Last Tango in Pattaya
Hans wird in der Susi mit wissenden Blicken empfangen. Von allen. Es ist, als wenn er nach Hause kommt, genauso wie damals, als er noch 12 Jahre alt war, seine Mutter und die Kaffeetanten noch alles Wesentliche über ihn wussten und genüsslich darüber tratschten. Z.B. ob er denn schon onaniere, Abends die Revue zwecks anatomischer Studien mit ins Bett nähme, eine Freundin habe, gar schon mal geküsst hätte oder etwa schwule Tendenzen zeige, was sich in wiederholten Fahrrad-Touren mit seinem Freund am Wochenende mit Übernachtung im Zweimannzelt zeigen würde. Das Übliche halt.
Hans entscheidet sich, heute Hansel und Hans je nach Situation zu leben. Immer im Sinne des eigenen Wohlbefindens, denn er weiß, dass wenn er sich wohl fühlt, auch die anderen eine gute Zeit haben, was wiederum sein eigenes Wohlbefinden noch steigert.
So genießt er einfach die Vertrautheit mit der Belegschaft dieser Firma, die er selbstbepinselnd hanselnd auf seine charismatische Erscheinung zurückführt.
"Weißt du was? Die Tagesschicht hat mich gefragt, wie viel Geld du mir gegeben hast, wie du fickst, ob überhaupt, und wenn ja, wie oft ich gekommen wäre, was du sonst noch für ein Typ wärest, ob du wirklich eine Hütte gleich hier in der Nähe hast und wenn ja, warum sie dich nicht kennen."
flötet Tum mit nur ganz leicht gespielter Empörung.
"Was geht die das eigentlich an? Außerdem wollten sie wissen, warum du mir die vielen Sachen gestern geschenkt hast. Neidisch sind die auch noch. So hab ich mir das Barleben nicht gerade vorgestellt. Ich hab natürlich nichts erzählt. You understand what I am saying?"
"Das ist ganz normal, honey." antwortet Hans. „Die Anatomie der Gast-Schwänze, die mehr als einmal in ein und derselben Bar auftauchen, wird zum Allgemeinwissen aller Angestellten eines Bier-Bar-Unternehmens.“
"Was ist mit den Kartons? Haste schon was gemanaged?"
"Na klar, was denkst du denn. Du bist ein guter Mann. Dir helfe ich. Die kommen gleich. Hab ein Motor-Bike-Taxi geschickt. Das Mädel von gestern Abend."
Hans bleibt bei Soda mit Zitrone. Erstens treibt das Bier durch die Haut in der Tageshitze und zweitens macht es vor 17 Uhr nur müde. Auch die Statistenrolle benötigt hohe Konzentration und fordert ihren Stress-Zoll.
Wie will einer auf dem Bike nur so viele Kartons transportieren? Fragt sich Hans. Ohne seine Bedenken zu äußern, ist er einfach nur gespannt und harrt erwartungsvoll der Dinge.
Die füllige Dame auf dem Motor-Bike-Taxi, die ihn gestern schon angehimmelt hat, weil er ihr eine Coke ausgegeben hat, kommt unbeladen mit einem völlig ernsten und enttäuschtem Gesicht in die Bar.
"mae dai".
„Das geht so nicht“ hätte Hans ihr schon vorher sagen können. Aber gleich darauf hält ein Baht Taxi vor dem Eingang, beladen mit allem, was Hans braucht.
Als Ausgleich für ihre „mae dai“ Enttäuschung und ihr Unwohlsein, wegen der Zusatzkosten fürs Baht Taxi, lobt er ihr Organisationstalent und reicht ihr 50 Baht.
Tum und Hans steigen hinten rein. Dort stapeln sich zehn Kartons, alle die richtige Zufallsgröße. Passt.
Im Townhouse schaltet Hans erst mal die AC an, denn die Luft steht. Tum zieht sich das Top über den Kopf, legt es sorgfältig auf das Bett und sortiert die Musikkassetten und CDs wohl gestapelt und mit Verstand in die Kartons. Fehlt nur noch, dass sie diese nach Alphabet ordnet und die Kartons entsprechend beschriftet.
Hans muss unwillkürlich an den Film mit Marlon Brando und Maria Schneider denken: "Last Tango in Paris."
Auch dort ging es um eine verstorbene geliebte Person im Nebel der Erinnerung, ein junges Mädel nur in Jeans oben ohne, zwei Geschlechter, die sich nicht näher kennen und trotzdem ihre innersten Geheimnisse und Lüste ohne viele Worte und Hemmungen miteinander teilen. In einer leergeräumten Wohnung.
Butter ist aber im Augenblick nicht im Haus. Was soll’s. Hans zieht sich einfach aus und Tum kokettiert mit ihren nackten Brüsten.
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Zeit, den Tod zu überwinden. Zeit für ineinander fallen und keinen Gedanken verschwenden. Zeit für angstlose Lust und die wohlig schmerzlose Melancholie der Ahnung, dass alles ein Ende hat, dass nichts beständig ist.
Aber jetzt ist jetzt und jetzt ist für immer...
"Ist der Werner hier im Haus gestorben?"
fragt Tum schon atemlos mit verschleiertem Blick und Hans erkennt ihre ängstliche Entschlossenheit, den Augenblick zu beenden, falls seine Antwort nicht in ihrem Sinne ausfällt.
"Nein, Werner war im Krankenhaus, nur eine Woche, bis sein sowieso geschwächter Körper von einer Lungenentzündung dahingerafft wurde. Kurz und bündig."
antwortet Hans wahrheitsgemäß
"OK, suck my nom, help me come."
Tum bedient sich an ihm, wie es sich für eine Frau gehört, und die weiß, was sie braucht. Ihre Schleimhäute kommunizieren dabei in der eigenen archaischen Sprache der Evolution, lockend, wortlos und glitschend, trotz unverzichtlichtem Gummi.
Hansel im Hans hätte eigentlich ihren plötzlichen Wechsel von ernsthaften und tiefsitzenden Bedenken vor ihrem befriedigenden Nippel-Sanuk gerne ausdiskutiert und womöglich noch die Geschichte der Vertreibung seiner Großmutter aus Oberschlesien eingeflechtet, aber irgendwo weiß er, dass das unpassend wäre, wenn er zum Schuss kommen will und dass Schlesien für immer verloren ist.
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Ihr hätte es bestimmt Furcht eingeflösst, wenn sie gewusst hätte, dass Werner immer noch anwesend ist. Hans ist ihm nach wie vor nahe, denn in ihm blitzen aufgeilend ein paar Erinnerungen an gemeinsame Fünfer mit Werner in München durch den Kopf. Die Fünfte war immer Pflicht. Ihre Rolle als „Springerin“ vordefiniert.
Zwecklos, ihr den Horror vor den Geistern der Toten nehmen zu wollen. Zu tief sitzt ihr Glaube an den furchterregenden fröstelnden Hauch ihrer Schatten.
Etwas, was unsere beiden Kulturen für immer trennen wird. Aber solange ihre beiden Körper sprechen, existiert diese Kluft nicht. Alles ist warm und feucht, von ewigen Augenblicken der Geilheit begleitet.
"Du kannst ruhig schon mal in die Susi gehen, wenn wir hier fertig sind und alles gepackt haben. Ich komme dann nach."
sagt Hans, nachdem sich Tum nach getaner Arbeit unten mit Wasser aus den Bottichen einigermaßen frisch gemacht hat, denn es hat wieder angefangen zu regnen, während sie beschäftigt waren.
Hans liebt das Geräusch von Regen und Pink Floyd nicht zu leise dazu. Das beruhigt ihn. Dann ist für ihn die Welt in Ordnung, solange er im Trocknen unter einem beschützenden Dach sitzt und draußen das Wasser prasselt. Dann fühlt er sich immer irgendwie geborgen.
Tum überlegt nicht lange, nachdem sie die Kartons sogar mit Klebestreifen, den sie selbstständig und heimlich besorgt hat, verschlossen hat und sagt:
"see you later. Lass mich nicht warten."
und verschwindet.
Hans möchte noch einen Augenblick alleine sein. Möchte sich von einem Abschnitt seines Lebens verabschieden. Dem Abschnitt mit Werner, der mehr als 35 Jahre währte.
Verpasste Gelegenheiten, ihm zu sagen, wie gerne er ihn hatte, was für ein guter Kumpel er war, gehen durch seinen Kopf. Erlebnisse, wo sie beide rücksichtslos die zufälligen Statisten in ihrer Nähe schamlos für ihre eigene Selbstdarstellung ausgenutzt haben, und Momente, wo sie im Einklang mit ihrer Umgebung waren und auch mal was gegeben haben.
Im Gleichgewicht und mit ruhigem Herzen verlässt Hans sein Town House Richtung Susi Bar und weiß mit nun nicht mehr schmerzender Gewissheit, dass es nie mehr so sein wird wie früher...