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Thailand Hans geht mal wieder hanseln

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Zurück zu den Wurzeln


Kurz entschlossen den Rucksack gepackt und über die Fußgängerbrücke rüber zum Domestic Terminal am guten alten Don Muang Airport.

Bis dorthin sind es weniger als 30 Minuten zu Fuß von seiner Basis in Bangkok ausgesehen. Von dort geht der angenehm gekühlte Tunnel zum International Terminal hinüber. 473 Meter oder so.

Hans fühlt sich mal wieder in seinem Element. Es ist schon ein paar Jährchen her, dass er alleine vor dem Thai Limousine Schalter im international Terminal stand und auf die Frage:

“Taxi Sir?”

“Bai Pattaya khap” antwortete,

sogleich von dem süßestem Lächeln der Dame hinter dem Schalter gekontert:

“Bai duai, khaaaaa.”

Das « khaaa in höchsten Tönen gesungen.

Wie oft hatte er der Verführung, die sicher meist nur in seiner Fantasie eine war, widerstanden. Nicht zuletzt, weil jemand in Patty auf ihn wartete. Bis auf einmal. Das wurde die erste versaute Taxi-Tour seines Lebens. Es ging noch über die Sukhumvit als Landstrasse Richtung Chonburi mit dem wasserführenden Graben zwischen den Fahrtrichtungen. Nach acht Wochen Wüste kam ihm der “blow job” auf dem Rücksitz wie ein willkommener Kultur-Schock vor. Doppelt genossen.

Wehmütig aber wohlig denkt Hans an längst vergangene Zeiten und nähert sich dem Thai Limousine Schalter.

“Hello Sir, where do you like to go?” fragt eine süße, leicht mollige schwarzhaarige Dame, die ordentlich was unter der weißen Bluse trägt.

“Bai Pattaya, khap” ist seine Antwort wie von früher gewohnt und aus einem Reflex entsprungen, der 20 Jahre jünger als sein wirkliches Alter ist.

“Bai duai, khaaaa” antwortet sie mit einem unverschämten Lächeln und vor Hans’ geistigem Auge sieht es so aus, als ob sich ihre Blusen-Knöpfe wie von alleine öffnen. Selbst ihr Mund scheint angenehm sündiges zu versprechen.

Hans freut sich. Es gibt Konstanten im Leben. Und gerade begegnet er solch einer Konstanten. Er ist zwar ein Zigeuner, aber solche Erlebnisse beruhigen ihn, geben ihm verlässliche Koordinaten, an denen er sich entlang angeln kann um Neues zu wagen.

So lächelt er einfach sentimental aber kommentarlos und übergibt seinen Rucksack dem Fahrer, nicht ohne vorher 2000 Baht bezahlt zu haben.

Nein, er hat nicht gehandelt oder mit dem Preis gehadert, denn Hans ist auf Hansel-Tour. Mal einfach wieder nur tun, wozu das Thai-Lächeln ermutigt. Mal einfach wieder so handeln, als ob er wirklich der schönste, smarteste und netteste „Farang“ auf Erden wäre. Gehirn und jeglicher „common sense“ abgeschaltet. Geld ist Nebensache und lediglich Mittel zum Zweck. Der Zweck ist die Aufrechterhaltung der Illusion.

Die Entscheidung fällt für den Bang Na Motorway und nicht für die Chonburi-Stelzen-Autobahn. So sieht Hans zum ersten mal die Exit Schilder zum neuen Airport „Suvarnabhumi“, altindisch für “the land of gold.” Das „i“ am Ende wird nicht ausgesprochen.

Die Zeiten haben sich geändert. Als Hans erstmals in Don Muang landete, war der alte Airport eine einzige Baustelle, die “neuen” Terminals im Bau. Um so mehr festigt sich nun seine Überzeugung, dass es mal wieder Zeit für “Hansel Time” ist. Zurück in den wohltuenden Schoss der professionell weiblichen Thai-Bauchpinselei, die, wenn für Ernst genommen, Massage für die Seele und Droge fürs Hirn ist.

Um 20 Minuten vor 11 erreichen sie die Fast Food Raststätte auf der Höhe von Chonburi. Hans kauft ein paar Carabao, Lipo und Singh im 7/11 und muss leider feststellen, dass er das Bier nicht mitnehmen darf. Es ist noch keine 11 Uhr.

Schade, eine Konstante weniger. Aber was soll’s. Die haben Glück gehabt, dass er nicht gerade wie früher aus Saudi kommt. Dann hätte es nämlich eine gehörige Szene gegeben. Von wegen, ob sie denn alle muslim-mässig übergeschnappt und Kamelfi**er wären.

Egal. Hans weiß nun, dass er sich ganz besonders auf seine Hanselnummer in Patty konzentrieren und die Konstanten ausloten und wenn nötig, neue Rituale an den Bier-Bars erfinden wird.

Der Fahrer ist Ok und sagt: “you want smoke?“ und genehmigt sich selber eine. “mai put my company sign in Pattaya.”

was bedeutet, dass er, der Fahrer, sich bei der Ankunft in Pattaya im Thai Limousine Büro registrieren muss und Hans dort gefälligst die Klappe übers Rauchen halten soll.

Schon wieder ein Konstante. Hans wundert sich langsam, ob ihm dieser Trip was neues bringt oder nicht.

Das Thai Limousine Büro Pattaya ist gerade mal eine Seitenstrasse von der Soi Wongamat entfernt, nämlich dort, wo die Dice Disco ist, eine Seitenstrasse der Naklua Road nicht weit von der Susi Bar.

Die Empfangsdame möchte Hans zu gewissen Touren überreden, aber Hans macht ihr klar, dass er sein Town House in der Soi Wongamat zwecks Plünderung besucht. Sie wechselt sofort die Strategie und bewundert seinen Ring, den er sich vor 20 Jahren in Thailand hat machen lassen. Welche Steine es wären, in welchem Geschäft gekauft, ob er verheiratet wäre, ob sie ihn zum Haus begleiten dürfe, etc.
Hans ist aber noch nicht ganz angekommen und noch nicht bereit zum Hanseln.

Kurz vor seinem Town House trifft er Brian, seinen langjährigen und konstanten Nachbarn. Er erzählt, wie Hans’ bester Freund Ostern gestorben ist, nämlich kurz und entschlossen, genauso, wie er gelebt hat.

Hans und Werner hatten sich das Town House vor 10 Jahren zusammen gekauft. Werner hat sich nach seiner Entlassung von einer globalen Firma vom Arbeitsamt verabschiedet und ist für immer in Thailand geblieben. Er war einer der ersten Drachenflieger Deutschlands und hat sich fast alle seine Knochen gebrochen. Sein Körper war ihm lediglich eine zu herausfordernde Hülle für seine hohen Ansprüche an die ungesunden aber spaßmachenden Dinge des Lebens.

Werner hat seinen Tod mit 62 Jahren redlich verdient. So viel steht fest.

Brian ist drauf wie immer und schwätzt viel über Werners langjährige Freundin, die gerade in Deutschland weilt. Hans steht nicht besonders auf Labereien der Nachbarn über Nachbars Holden und geht die paar Schritte zu seinem Haus.

Werners Freundin hatte ihn vorher von Deutschland aus ein paar mal angerufen und nach Geld gefragt. Nach viel Geld. Vorher würde sie nicht ausziehen.

Das war’s. Eine weitere Konstante in Hans’ Leben. Wer ihm Bedingungen stellt, hat schon verloren.

Als Hans sein Haus betritt, macht ihm ein gespielt scheues aber modern und ziemlich sexy gekleidetes Mädel im eng ausgeschnittenen Top und kurzen Höschen, Anfang 20, den wai….
 
Hans auf dem Weg

Das kann ja lustig werden, denkt Hans und lässt es erstmal langsam angehen.

“khun chu alai khap?”
(wie heisst du?)

“Pom, I am niece from Werner’s wife. I stay here with my mother”
(Ich bin die Nichte von Werners Frau. Ich bin hier mit meiner Mutter)

antwortet sie in gar nicht schlechtem Englisch.

Scheiße. Mit der wird schon mal nicht gehanselt. Hans ist hier on special mission und eine außerparlamentarische Nummer mit der Nichte kommt alleine schon aus taktischen Gründen nicht in Frage.

So steigt er die Treppen in sein Reich hinauf und findet alles in bester Ordnung vor. Hier lagern noch ein paar Teppiche aus Saudi, eine Saudi Flagge aus bestem Stoff in grün mit der weißen arabischen Schrift des islamischen Glaubensbekenntnisses drauf “Ala ila lila” oder so ähnlich, “Alah ist der einzige Gott”. Des Weiteren zwei wertvolle Beduinen Schwerter in reich verzierten Scheiden, viele Bücher, CDs, etwa 1000 Musikkassetten und seine vor den Holden versteckten Bilder und Briefe seiner Verflossenen, sowie uralte Tagebücher. Unter den Büchern befinden sich auch die Culture Shock Dinger sowie diverse Thai-Mädel Geschichten, die er sich vor vielen Jahren mal gekauft hat. Von der Buddhistischen Literatur ganz zu schweigen.

Freudig nimmt er “Tales of Sri Thanonchai, Thailand’s artful Trickser” in die Hand. Es ist ein Buch über den Thailändischen Till Eulespiegel. Von dem kann man im Gegensatz zu gewissen Durchblickern 'ne Menge lernen. Echt lesenswert.

Ein Blick auf sein frisch bezogenes Bett lässt Erinnerungen aufkommen.

Als Hans mit dem Wohlgefühl sich wieder gefunden zu haben hinunter geht, kommt gerade eine Matrona mit einem süßen kleinen Buben auf dem Arm hinein. Sie ist unverkennbar die Schwester von Werners “Frau“. In Anführungszeichen, denn sie waren nie papiermäßig verheiratet. Die Papiere aus Deutschland wurden in dem Moment fertig, als Werner seinen letzten Atemzug tat. So kam es nie zu einer Hochzeit im dtsch. Rechtssinne. Stattdessen wurde Werners Asche, wie von ihm gewünscht, im Golf von Thailand von einem Boot aus verstreut. Sein letzter Flug. Kurz und ganz ohne Drachen.

“my aunt want to talk to you”, sagt Pom und reicht Hans ihr Handy.
(meine Tante möchte dich sprechen)

“Hallo Hans, if you give me money, we move out.” Die alte Leier.
(hallo hans, wenn du mir Geld gibtst, ziehe ich aus)

“How much you think of?”
(wie viel?)

“300,000 Baht is Ok with me.”

Donnerwetter! Werners Frau weilt gerade in Deutschland bei seinen Freunden, die sich lieb um sie kümmern. Hans hat bei seiner Ex einen Aufschub von drei Monaten bewirkt, denn die wollte die Leute gleich am Todestag aus dem Haus schmeißen. Das hat ihn einige Überzeugungsarbeit und Nerven gekostet. Er war auch grundsätzlich bereit, ihr ein bisserl was Geld zu geben. Er dachte so an 100K Baht. Das ist er seinem Freund schuldig.

Aber unter Bedingungen? No way, Sir.

Glücklicherweise ist seine Ex gerade nicht im Lande. Es wäre sicher eine Verfilmung für eine High Noon Krönung einer Soap Opera wert, falls sie jetzt ebenfalls auf der Palette stände.

“OK, I give you money, but to your Bank Account only. No cash to your relatives.”
(OK, ich gebe dir Geld aber nur aufs Konto. Kein Cash für deine Verwandten)

Typisch taktisch um Zeit zu gewinnen. Im weiteren Verlauf des Gespräches stellt sich heraus, dass Unsicherheit wg. der Dinge im Haus herrschen. Hans macht klar, dass alles, was Werner gehörte, jetzt ihr gehöre. Auch seine Harley. Aufatmen am anderen Ende. Ende der Durchsage.

Pom redet noch ein Weilchen mit ihrer Tante und sagt dann zu Hans:

“if you give me money now, we move out today.”
(wenn du mir jetzt sofort Geld gibst, ziehen wir heute schon aus)

Aber Hans ist noch nicht in der Hanselphase. In dem Fall hätte er ihr seine Briefmarkensammlung oben gezeigt, sie langsam dabei ausgezogen und sie weinend gefragt, warum die deutschen Frauen denken, dass die Deutschen Männer ne Macke haben. Im Moment des Abspritzens hätte er ihr den Check unterschrieben.

Guter Versuch. Aber hier geht’s ums Geschäft und um ein böses Unglück zu verhindern, falls seine Ex Werner’s Verwandtschaft noch im Hause antreffen sollte, wenn sie wieder kommt. Hans wiederholt sein Banküberweisungsangebot und Schluss. Aber süß ist das Luder schon.

Es ist so um die 12 Uhr mittags. Kein Wasser im Haus. Die Reihenhäuser hier haben schon seit Tagen kein Wasser, wie der Nachbar Brian versichert. Viele Privathaushalte in Pattaya sind trocken gelegt, damit die Industrie in der Eastern Region und die vielen Hotels weiter schaffen kann. Auch die Bauern schauen zum Teil in die Röhre. Es herrscht ein unschöner Wasserverteilungskampf in dieser Gegend. Die Gewinner kennen wir.

So zieht Hans einfach los. Gelegenheit zum Duschen wird es schon geben. Patty ist ja schließlich ein Bade-Ort.

Gleich an der Ecke zur Soi Wongamat gibt es ein neues Restaurant. Dort sitzen zwei ältere Herrschaften am Tisch und unterhalten sich bei Soda und Orangensaft. Sie sprechen unüberhörbar deutsch und fordern Hans auf, sich zu ihnen zu setzen, als er sie grüsst.

Sie sind die “Besitzer” dieses Establishments und haben vor etwa einem Jahr eröffnet. Der eine ist ein sichtlich viel Gelebter, Typ alter Rocker und cool drauf. Der andere mehr ein unverbindlicher, nichtsagender, freundlicher gehobener Angestellter oder ehemaliger Kleinunternehmer.

Hans interessiert sich mal wieder für was. Er will wissen, wie die neue Generation der Rentnerband tickt. Ob es da auch Konstanten gibt? Seine Nachbarn seines ersten Hauses in der Garden Villa vor 20 Jahren gehörten nämlich zur Rentnerband. Wie die damals tickten weiß er. Das gegenseitige Gehacke, wer den besseren Durchblick hat einerseits und arrogantes Herabblicken der “Vernünftigen” auf die angeblich erst ab 17 Uhr Trinker. Alte Kamellen. Besonders das stundenlange Gelaber über die Verhältnisse der anderen mit ihren Susis.

Hans konnte es immer mit allen Parteien gut, nicht zuletzt durch seine Ex, die die gleiche Gabe hatte und dadurch über deren Mädels viel erfahren hat, ohne sich näher einzumischen oder dies gar auszunutzen. Besonders die Sichtweisen der Expats untereinander in den Säuferclubs hat Hans eigentlich immer abgestossen, aber mitgesoffen hat er immer. Es herrschte extremer Dorftratsch. Wer hält den schon nüchtern aus?

Nur ein oder zwei hielten sich da raus, fanden kein schlechtes oder herablassendes Wort über ihre Expat Kollegen, sondern lebten und genossen einfach ihr Leben, aber nicht ohne mit der “Unterschicht” auch mal ein oder zwei Bier zu trinken. Gestandene Männer halt. Völlig ohne moralischen Zeigefinger und Berührungsängsten. Aber auch sie wurden schließlich von den anderen gemieden.

Hans entscheidet sich für ein Singha Bier als Reminizenz an alte Zeiten und stellt sich zunächst als Freund von Werner vor. Das öffnet die Türen für weitere Gespräche.

“Ja, das mit Werner hat uns auch geschockt. Ging verdammt schnell, aber so hat er ja gelebt. Keine Rücksicht auf seine Gesundheit genommen. War aber ein feiner angenehmer Kerl.”

“Ja, hat mich auch geschockt. Besonders, weil er so schreibfaul ist. Sein Lieblingsspruch war immer: wenn du nichts von mir hörst, geht es mir gut. So gehe ich halt davon aus, dass es ihm jetzt gut geht.”

Leichtes Lachen in der Runde. Trauer-Ritual fast beendet.

“Und wie läuft euer Geschäft so? Zufrieden?” fragt Hans mit hoffentlich nicht verräterischem Zynismus, nachdem er die leeren Tische mit seinen Blicken gestreift hat.

“Wird schon noch werden. Ist ja die tote Jahreszeit. Bis jetzt macht es auf jeden Fall Spaß.”

Hans entscheidet, dies nicht in eine Diskussion ausarten zu lassen und wünscht den Herrschaften viel Glück, als sich ein weiterer älterer Schmal-Hans-Herr mit einer Hanfumhängetasche zu ihnen gesellt, der sofort losredet und nicht wieder aufhört. Es geht um seine Holde, die er erst im Umgang mit Geld erziehen müsse. Ansonsten wäre sie OK. Und ein bisserl Liebe von ihr wäre ganz sicher auch im Spiel. Die beiden Besitzer haben plötzlich beide was dringendes zu erledigen, verlassen den Tisch und ordnen mit gesenktem Blick die Gläser und Flaschen hinter der Theke.

Hans ist ganz Ohr und darf sich die ewigen Konstanten anhören.

“Bin erst seit 7 Monaten hier. Meine Rente ist nicht die höchste, aber ich komme zurecht. Außer wenn meine Holde mal wieder Geld für irgendwelche Anschaffungen, sei es für ihre Familie oder sie selbst braucht. Dann haben wir oft ein kleineres Argument, aber ansonsten lieben wir uns. Nur wenn ich mir was kaufen will, gibt es echten Streit. Du siehst ja wie ein abgeklärter Typ aus und weißt sicher, was ich meine. Ich bin nämlich kein Hansel. Wenn ich da an die anderen Expats denke...”

Ach du Scheiße! Hans bezahlt und macht sich auf den Weg in die Susi Bar nur 5 Minuten von hier. Am Supermarkt an der Ecke Soi Wongamat und Naklua Road gibt’s eine ATM fürs Taschengeld.

Es ist zwar erst 2 Uhr Nachmittags, aber sein Bauch sagt ihm, dass der Moment für seine eigene Hanselphase gekommen ist...
 
Hansel Time

Die Susi Bar versteckt sich gerne. Wer sie nicht zielgerichtet sucht, läuft leicht an ihr vorbei. Besonders zu dieser Tageszeit ist sie nur ein dunkles, nichtssagendes Loch. Da helfen nur Koordinaten. Die Seitenstrasse, die fast genau gegenüber in die Pampas führt, ist eine recht verlässliche Peilung. Dort auf der anderen Seite beginnt oder endet ein grösseres Bier Bar Areal, welches nicht zu übersehen ist.

Fast wäre Hans wieder wie üblich vorbeigepattert, aber Motivation hilft kolossal. Er will noch mal einer alternden Dame in die Augen schauen, will noch einmal seinen eigenen Schatten der Vergangenheit in ihren ehemals verführerischen Blicken erhaschen. Er ist auf alles gefasst. Selbst ein mittlerweile zahnlos grinsender Mund wird ihn nicht davon abhalten, für zwei Nächte den Hansel zu machen und das auszuleben, was besonders die Unbedarften und Unwissenden in ihrer moralisierenden Hilflosigkeit als Sex-Tourismus bezeichnen.

Ein Blick in das dunkle Loch lässt Schlimmes erahnen. Die Dame ist wirklich in die Jahre gekommen und döst vor sich hin. Einige wenige Mädels liegen verschlafen auf den Bänken, oder lutschen entrückt an ihren Nudeln in der Suppe. Das Alter der Service Damen ist zu dieser Tageszeit völlig uneinschätzbar, da sie sich noch im schlampigen Naturzustand des Morgenstresses befinden. Ein Gast Anfang 40 mit einem Zwergel an seiner Seite starrt verkatert über seine Sodaflasche hinweg vor sich hin. Tote Hose.
Genau das, was Hans sucht und braucht. Hier haben sich Schicksale versammelt. Nicht die der Königshäuser, der Mächtigen oder der Berühmten und Schönen. Nein, hier versammelt sich gerade reiches Potential für seine wissenschaftliche Abhandlung über die universellen Bier-Bar-Konstanten in Raum und Zeit.

Hans hat nicht vor, diesen Ort während seiner zwei Tage und Nächte in Pattaya für längere Zeit zu verlassen. Er wird eintauchen und mitschwingen, egal was kommt. Die Ereignisse werden das Drehbuch schreiben und Hans wird sich voll darauf einlassen. Manchmal wird er die Regie übernehmen, manchmal der Hauptdarsteller, selten der Nebendarsteller sein. Und er wird immer darauf achten, sich nicht allzu weit von dem Klischee des Hansels oder Sex-Touristen zu entfernen, zumindest dem äußeren Schein nach. Das Publikum sollen ja schließlich auf seine Kosten kommen. Seine weißen Haare sind da schon mal die halbe Miete. Alter Abschaum-Knacker auf Brautschau, oder so ähnlich. Wasser auf die Mühlen der Seichten und Einfältigen.

Hans lässt sich auf einem Platz nieder, der ihm den strategischen Blick nach innen und nach aussen erlaubt. Ein schon frisches Mädel in Jeans und T-Shirt fragt ihn, was er trinken möchte.

“Sing khap”

Kommt sofort im Kondom und wird mit einem Lächeln serviert. Weiter nichts. Nach dem ersten Schluck hinterlässt das Isolierband auf dem Styropor seine klebrigen Spuren auf seinen Fingern. Es ist warm und ein Propeller in angenehmer Blasweite wird extra für Hans eingeschaltet.

Die noch liegenden Mädels raffen sich umständlich und widerwillig auf. Schon der zweite Gast. Vielleicht wird es ein guter Tag und es ist besser wenigstens so zu tun, als wenn man bereit ist.

Hans ist die ruhige Lage für einen Augenblick ganz recht. Zeit, sich zu sammeln. Die Bedienung ist die munterste und tut so, als hätte sie was zu tun.

Die anderen Mädels checken ihn aus den Augenwinkeln möglichst unauffällig und beginnen sich zu schminken. Ein Ritual, welches er immer wieder gerne beobachtet. Sie lassen sich unendlich viel Zeit dazu und es ist Meditation pur. Zwei andere stäbeln noch an ihrer Nudelsuppe. Es sind fünf an der Zahl. Zwei, wie zum verwechseln, um die 40, schmal und kleiner Arsch. Hautfarbe asch-grau-braun, wie es typisch für Agrarangestellte ist, die ihren Job vor langer Zeit aufgegeben haben und die Sonne scheuen. Ein etwas pummeliger junger weißhäutiger Hüpfer mit kurzen Haaren, die wie eine Peruecke wirken, weil der Haaransatz etwas zu tief auf der Stirn sitzt. Und noch zwei unscheinbare Mäuschen vor ihren Tellern.

Als sich die Glastüre zum hinteren klimatisierten Teil der Bar öffnet, tritt ein unnahbares Zwergerl mit einem wunderschönen großen Busen unter dem Schlaf-T-Shirt heraus. Sie grüßt niemanden, redet mit niemandem, wird auch von ihren Kolleginnen nicht beachtet , setzt sich still in eine Ecke und packt ihren Schminkkoffer auf den Tisch. Jede ihrer Bewegungen mit Bedacht und Anmut, völlig in sich selber versunken.

Die Kleine neben dem anderen einzigen Gast grinst Hans an. Dieser ignoriert sie völlig, genauso wie ihren Begleiter bisher auch, sagt aber lediglich um seine eigene Stimme zu hören in dessen Richtung:

“Na, gerade eine kleine Kur-Pause eingelegt und auf dem Wege der Besserung?”

Der ist froh und erzählt, dass er schon 3 Wochen hier wäre und die Gewohnheit des harten Lebens ihren Blutzoll fordert. Keine Lust zu nichts mehr. Die erste Woche hätte er sich ungehemmt durchgehurt, die zweite Woche übers Land gereist und dann wieder hier mit der Kleinen neben ihm.

Hans’ Bedienung gesellt sich neben seinen Tisch. Eine oft erlebte Konstante. Sobald die Mädels mitkriegen, dass ein fremder Farang auch sprechen kann, verlieren sie die “Anfangsscheu” und übernehmen das Ruder für das Mating-Ritual.

Nachdem das Schweigen des anderen Gastes gebrochen ist, spinnt dessen Kleine das Gespräch mit ihm weiter, froh, dass ihr Sponsor seine Sprachlosigkeit überwunden hat.

Hans’ Bedienung konzentriert sich nun auf ihren Gast. Sie hat volle Lippen, ist kein Schmal-Hänsel, sondern normale Figur und Groesse, so um die 172,3.

“where you come from?
(wo kommst du her?)

eröffnet sie die Runde mit echtem englischen Akzent.

“From Switzerland”

“which hotel you stay?
(in welchem Hotel wohnst du?)

“No hotel, town house, Soi Wongamat.”
(kein Hotel, Reihenhaus in der Soi Wongamat)

“Soi Wongamat, Soi Wongamat.” wiederholt sie nachdenkend mehrere male. “I know, Hotel Romeo, right?”

“mia?”
(Ehefrau?)

“No, but the house full of female strangers.”
(nein aber das Haus voller fremder Weiber)

Sie lacht, und zum ersten Mal sieht Hans ihre vollen Lippen und junge Haut bewusst. Der Babyspeck befindet sich in Auflösung, ziert sie aber noch ein wenig.. Hat sie seine Worte etwa verstanden?

“You remind me on my friend from England” fährt sie fort. “You’re sure you are from Switzerland?”
(Du erinnerst mich an meinen Freund aus England, Bist du dir sicher, dass du aus der Schweiz kommst?)

Mit der lässt sich arbeiten, denkt Hans, aber die Konstanten verflüchtigen sich gerade. Die ist jung und spricht ein sehr verständliches Englisch. Sie spricht diese Sprache ohne vorher gehirnakrobatisch von Thai in Englisch zu übersetzen. Einfach frei heraus und fließend. Sie arbeitet in einer Bar, die ihr goldenes Zeitalter schon hinter sich gelassen hat, genau wie Hans selber. Mal sehn’, was sie sonst noch zu bieten hat.

“How old are you?” testet Hans an.
(wie alt bist du?)

“20”

Auweia! Für einen Augenblick möchte Hans es bei Konversation belassen, aber andererseits….

“Show me your ID, khap”
(zeig mir deinen Personalausweis)

Die hat sie schon vor seiner Aufforderung in der Hand und neben all dem Thai-Geraffel steht dort 2528. Stimmt tatsächlich.

“My birthday is on August 6. You come here?”
(Ich habe am 6. August Geburtstag. Kommste dann?)

und ohne die Antwort abzuwarten, fährt sie fort:

“I am born in Pattaya, work only two weeks in the Bar and had English friend before for one and half year, but he die.”
(Ich bin in Pattaya geboren, arbeite erst seit zwei Wochen in der Bar und hatte vorher einen Englischen Freund ein-ein-halb Jahre lang, aber er ist gestorben)

“I am sorry honey” antwortet Hans nicht ganz ohne Freude für diese weitere Konstante, was die Dauer ihrer Barkarriere betrifft.

Don’t be sorry, it’s half a year ago already. It’s my karma I think.”
(kein Grund für sorry, ist ja schon ein halbes Jahr her. Das ist wohl mein Karma)

Das führt entschieden zu weit. Hans ist hier als Hansel und Sex-Tourist unterwegs. So was übersteigt eigentlich seinen Horizont, wie die anderen immer sagen. Als Hansel verliebt er sich sogleich in die mystische Exotik des Karmas und das schwere Schicksal des Mädels und als Sex-Tourist möchte er endlich ihre vollen Lippen beim Saugen irgendeiner Flüssigkeit beobachten. Also fragt er erstmal:

“Khun duem alai khap?
(was möchtest du trinken?)

“Heineken” mit Thai Akzent gesprochen, ohne zierende Überlegungspause.

“OK, fetch me another Sing nueng duai.”
(OK, hol mir auch noch ein Singha Bier)

Passt! Eine Fruchtsaftheilige wäre nicht das Richtige für Hans in seinem selbstgewählten Film.

Inzwischen sind die Mädels alle wach. Eine nach der anderen verschwindet hinter der Glastüre. Wie Hans später erfährt, wohnen sie alle hier. Die Susi Bar ist ihr Schlaf- Wasch- und Office-Salon. Keine hat die Knete für ihr eigenes Zimmer.

Als sie mit den verschiedenen Biersorten anstoßen und Hans ihre runden unschuldigen Lippen an der Flasche sieht, ist es um ihn geschehen.

“I need a shower. Where can I have one?”
(Ich brauche eine Dusche. Wo kann ich?)

“why you not go your house?”
(warum gehst du nicht in dein Haus?)

“no water and too many strange women” antwortet Hans
(kein Wasser und zu viele fremde Weiber)

“Understand (kicher). I go with you to Lovely Home, OK?”
(Verstehe. Ich gehe mit dir zum Lovely Homes, OK?)

“if it’s not too far, never mind.”
(falls es nicht zu weit ist, OK)

“no, it’s just across the street down the Soi over there. Nice rooms.”
(nein, ist gleich gegenüber die Strasse runter. Nette Zimmer)

Hans bezahlt und weiß, dass nun die Phase Eins beginnt. Solln’ die Weiber in seinem Haus doch in ihrer Ungewissheit schmoren. Heute sehen die ihn nicht wieder. Ein frisches T-Shirt und Unterhose werden sich schon an der Naklua-Road finden.

Unwillkürlich muss er an Werner denken. Die Trauerarbeit ist noch nicht ganz erledigt. Er wird mal wieder was ganz Junges auch stellvertretend für Werner beglücken und einen Drachen mit ihrer Hilfe steigen lassen, nachdem sie ein oder zweimal oy oy mäßig gejuchzt hat...
 
Vorbereitende Maßnahmen

Nachdem Hans bezahlt hat, bereiten sich beide auf die risikobereite Überquerung der chaotisch befahrenen Naklua Road vor. Die junge Maus nimmt Hans an die Hand und führt ihn sicher auf die andere Seite, mit einem Zwischenstopp in der Mitte, dort wo Hans immer die Augen schließt. Wie ihm sein Arsch abgefahren wird, interessiert ihn visuell nicht besonders. Vorbei an den von Austria finanzierten Bier Bars. Abgeschrieben zu Gunsten der lustigen Holden und Mitgliedern der Naklua Mafia, die immer wieder neue Sponsoren finden. Die Nebenstrasse ist breit und nach 3 Minuten biegen sie nach rechts ab. Lovely Homes. Wie süß.

Es ist eine Doppelreihe von Einzelzimmern mit einer kleinen Einfahrt vor jeder Vergnügungsenklave. Einige sind mit Wagen aus Bangkok besetzt. Dort brennt auch eine rote Lampe neben der Türe. Besetzt. Gleich am Eingang gibt es eine kleine Pförtnerloge. Hans gibt seiner Sheakspear Darstellerin einen Tausender und lässt sie alles erledigen. 300 Baht für Short Time 3 oder 4 Stunden oder so ähnlich. Das reicht fürs Duschen.

Die Zimmer sind geräumig und mit einer Spiegeldecke versehen. Hans entscheidet, später auf dem Rücken zu liegen.. Der Boy schaltet den Fernseher ein. Dort läuft ein 24 Stunden hardcore Porno. Ein völlig normaler grinsender Blick von seiner jetzigen Lebensabschnittspartnerin ganz ohne Verlegenheitskichern unterstreicht die konstante und angenehme Normalität der Situation.

Unter der Dusche darf Hans endlich anfassen. Fast wäre er auf das Gemähre der Unbedarften reingefallen und hat sogar für einen Moment gedacht: so was gehört sich aber nicht. Stattdessen dankt er den Göttern, die ihm diesen wunderschönen weiblichen Körper in die Hände gespielt haben. Alles an ihr ist jung und stimmt, was er von seinem Körper nicht mehr behaupten kann. Er weiß nun, dass sich das kleine Zwischenspiel mit seinem Town House von alleine erledigen wird. Er braucht dem Schicksal nur eine Chance zu geben. Alles wird sich richten. In der Gegenwart von bereiten und aufmerksamen Frauen zieht er das Glück sowieso wie ein Magnet an.

Mit Schalk in den Augen und freudiger Erwartung geht sie zur Routine über. Den stimulierenden Blow Job erledigt sie mit gebührender Andacht. Ja, so ein Schwellkörper ist schon ein Wunder der Natur. Als sie selber feucht genug ist, zieht sie gekonnt einen der drei bereitliegenden Pariser (aufs Haus) über Hans’ Schniedel, nimmt ihn wie einen Staubwedel in die Hand, während sie breitbeinig über ihm kniet und stimuliert sich mit der Peniskuppe hin und herbewegend von außen um dann mit einem glitschenden Rutsch gänzlich von ihm Besitz zu ergreifen. Die volle Länge.

Zuerst bedient sie Hans, reitet auf und ab. Oben im Spiegel sieht das völlig skurril aus. Dann lässt sie sich endgültig nieder und reibt ihre Klitoris an Hans’ Wurzel, sodass er seine Eier von ihren Arschbacken erdrückt schon fast in Gefahr wähnt. Dann puscht sie beide Kissen hinter Hans’ Rücken, damit er sich bequem aufrichten kann.

“suck my nom honey, suck, this makes me horny and come.”
(lutsch an meinen Titten, honey, das macht mich geil und orgastisch)

Kein falsches Versprechen. Ihre Nippel nehmen ungeahnte Grössen an. Nach mehreren “oy oys und uis” während Hans an der Mutterbrust hängt und mit einem abschließenden spitzen Schrei lässt sie sich über ihn fallen. Danach zieht sie den Gummi runter und lässt Hans’ Drachen steigen. Zu Werners Ehren. Aber das verrät Hans ihr nicht, sondern täuscht ein rein persönliches Erlebnis vor.

Werner hätte es sicher gefallen, aber Hans kommt sich geizig vor. Eine halbe Frau für Werner ist echt kiniau. Es sind ja noch zwei Nächte. Zeit genug, die Werner-Ehren-Nummern mit mehreren Holden zu zelebrieren.

“Khun chu alai?“ (wie heisst du?) fragt Hans lachend und lachend antwortet sie: “Tum, what’s your name?” (Tum und du?)

“Hansel”

“I never hear before, but sounds funny. Oh sorry, t’rak.”
(hab ich nie gehört, aber hört sich lustig an. Oh entschuldigung, Liebling)

“Never mind. It’s a name of honor and I am proud of it.”
(Macht nichts. Das ist ein Ehrenname und ich bin stolz auf ihn)

Der Porno fängt inzwischen wieder von vorne an. Tum sucht nach einem HBO Film. Hans ist nicht interessiert und geht unter die Dusche. Als er zurückkommt, spielt sie an sich selber rum und Hans hilft ihr dabei an ihren Titten nuckelnd, bis weitere “oy oys” durchs Zimmer schallen und sie danach stolz ihre nasse Hand begutachtet.

„I like when you watch me doing this. Makes me double horny.”
(Find ich gut, wenn du mir dabei zuschaust. Macht mich doppelt geil)

Wow. 20 Lenze und schon so körperbewusst?

“Dat isse. So viel steht fest.” denkt Hansel und arbeitet schon an einer Mia Noi Strategie. Noch ein bisserl früh zwar, aber es gibt ja noch ein paar mehr Gelegenheiten während seiner zwei Nächte in Patty um ihr volles Potential zu erkunden.

“Are you really from Pattaya?”(bist du wirklich aus Pattaya?) fragt Hansel und hofft auf eine Bestätigung. Irgendwie kann er das mitleidserhaschende und taktische Gejammer der zugewanderten Isaan-Schnecken schon lange nicht mehr hören.

“Of course. My mom and pop living here, grandpa and ma also since very long time. They are all real Pattaya people, but I don’t wonna see them again. Before I work in hotel. Good job, could pay my own room. You understand what I’m saying?”
(Natürlich. Meine Mama und und mein Vater leben hier, meine Grosseltern auch schon seit sehr langer Zeit. Die sind alle echte Pattaya Leute, aber ich möchte sie nie wieder sehen. Vorher habe ich in einem Hotel gearbeitet. Guter Job und ich ich konnte mein Zimmer selber bezahlen. Weisste, wat ich meine?)

“What’s wrong with your parents?”
(Was ist mit deinen Eltern schief gelaufen?)

“They make big mistake. I gave them all my money. 100,000 Baht to open shop, but they throw it away for bullshit. Now money is gone for nothing and I am finished with them.”
(Die haben einen grossen Fehler gemacht. Ich haben denen all mein Geld gegeben. 100,000 Baht um ein Geschäft zu eröffnen, aber sie haben es für Bullshit aus dem Fenster geworfen. Jetzt ist mein Geld weg für nichts und wieder nichts und ich bin fertig mit denen.)

And why you work in this bloody bar? No customers?
(und warum arbeitest du in dieser scheiss Bar ohne Kunden?)

“Because I can sleep there, can talk to my friends. No money to pay for my own room any more. After my friend from England die and I give all my money to my parents I am broke. Don’t worry Hans. I am OK. You sanuk or not?”
(Weil ich dort schlafen und mit meinen Freunden reden kann. Hab kein Geld mehr um mein eigenes Zimmer zu bezahlen. Nachdem mein Freund aus England gestorben ist, habe ich all mein Geld meinen Eltern gegeben und bin jetzt pleite. Hattest du Spass oder nicht?)

“Sanuk maak, honey.”
(ja, viel Spass)

“me too. I come three times. I am tired. No power any more.” Kicher.
(Ich auch. Ich bin dreimal gekommen. Ich bin müde. Keine Kraft mehr)

Hansel übergibt ihr einen Nelson (500 Baht), den sie mit einem “wai” in Empfang nimmt und beide begeben sich wieder in die Susi Bar. Dort sind inzwischen alle aufgerödelt und haben ihre Positionen eingenommen. Die Musik läuft. Der andere Gast ist immer noch da und nuckelt lustlos und abgeklärt an einem Bier zwecks Kreislaufberuhigung.

Es ist Zeit für die Einführung eines neuen Hansel Rituals. Die Mädels lieben ja Rituale. Auch wieder so eine Konstante.

“Listen honey. From now on I drink Black Nam. If I drink too fast, you shout: “Take it easy Hansel. OK?”
(hör zu, honey. Von jetzt an trinke ich Black Label mit Wasser. Falls ich zu schnell trinke rufst du laut: take it easy Hansel, OK?)

Tum lacht und erzählt es sofort ihren Kolleginnen. Die üben gleich und rufen im Chor die neu gelernte Phrase. Schon bei der Bestellung seines zweiten Nach-17-Uhr-Drinks schallt es aus allen Mündern: “Take it easy, Hansel”

Die Bühne ist vorbereitet, das Drehbuch über Jahre hinweg auswendig gelernt und in Fleisch und Blut übergegangen. Der Vorhang kann aufgehen…
 
Take it easy, Hansel

Hans ist mit Haut und Haaren in die Hanselrolle geschlüpft. Die Welt ist nun so, wie er sie sich immer in seinen geheimsten Wünschen erträumt hat. Alles, was seine nicht mehr fremde Begleitung tut und sagt, bestätigt sein Idealbild der weiblichen Zuwendung. Wie immer er ihre Worte und Gesten auch durchleuchtet, es läuft immer auf das selbe hinaus. Zu ihm spricht die reine Liebe. Solche Augen und Babyspeck können nicht unaufrichtig sein. Exotische Kulturen und Mentalitäten werden zu längst bekannten Verhaltensweisen aus einem früheren Leben. Hansel wusste schon seit seiner Geburt, dass er die Zuwendung der Frauen seiner selbst willen verdient, egal welche Sprache sie sprechen oder welcher Professionalität sie angehören. Endlich bekommt er das, was er verdient. Es wurde ja auch mal Zeit.

Sogar jetzt, wo Hans diese Zeilen aus der Hansel-Erinnerung schreibt, kann er es immer noch nicht begreifen. Noch nie hat ihn eine Dame so gut verstanden. Sie hat ihn wie einen Erwachsenen behandelt, obwohl er sich im ewigen Kreislauf des Lebens schon wieder dem tütteligen und unbeholfenen Anfang nähert.

Spricht sie wirklich so gut Englisch? Wahrscheinlich nicht. Immer wenn er im Ausland ist, geht Hansel davon aus, dass man Englisch sprechen muss und erwartet dies auch von den anderen, besonders von den Einheimischen. Da kommt bei ihm der Kolonialherr noch manchmal etwas durch. Solange die Natives nichts Vernünftiges auf die Beine stellen können, wird das auch so bleiben.

Nein, Englisch kann es gar nicht gewesen sein. Sie spricht vermutlich deutsch. Natürlich mit den typisch englischen Werbephrasen vermischt. Wie sonst lässt sich erklären, dass er jedes ihrer Worte verstanden hat und sie seine auch? Das ist sicher nicht nur die Seelenverwandtschaft, die er mit ihr verspürt. Das muss was orales sein.

“Sitzt du auch bequem, mein Schatzi”

fragt Tum fürsorglich und legt leicht vibrierend ihre Hand auf Hansels Oberschenkel, sodass sich spastisch sein kleiner Zeh ähnlich wie während seines Orgasmus wegspreizt.

Hansel fühlt sich wohl wie bei Muttern damals, als sie ihn oft wg. seiner 5 in Englisch tröstete und ihn dabei durch Handauflegen beruhigte.

“Ja honey. Ich möchte gar nicht mehr, dass du von meiner Seite weichst.”

Im besten Deutsch fragt sie: “I check out?”

Das versteht Hansel gut. Das ist Hotelsprache und der Beweis dafür, dass sie wirklich mal in einem Hotel gearbeitet hat. Vermutlich an der Rezeption.

Überhaupt versteht Hansel jetzt, was er immer wieder in den einschlägigen Foren liest. Dort sagen viele, dass sie sich 24 Stunden mit einer Thaidame unterhalten haben, obwohl der gegenseitigen Sprache angeblich nicht mächtig. Die sind alle der gleichen Illusion eines angeblichen Wunders aufgesessen. In Wirklichkeit sprechen die Damen perfektes Deutsch. Da hat er wohl seinen Kollegen gedanklich unrecht getan, indem er das mal angezweifelt hat.

Tum springt auf, holt einen Zettel ohne was zu trinken und fummelt ihn in den Buchführungs-Holzbecher. Verschwindet danach hinter der Glastüre und kommt in frischen Jeans und T-Shirt zurück. Auf dem T-Shirt steht:

“Ich bin anders”

Aber das wusste Hansel schon und ist fast beleidigt wegen dieses völlig unnötigen Winks mit dem Zaunpfahl. Seine Menschenkenntnis ist nämlich unübertroffen, besonders was die weibliche Minderheit der Anschaffenden betrifft. Die sind sowieso anders.

Inzwischen füllt sich die Bar etwas. Zwei, drei Gäste stoßen hinzu und die in den 40zigern-Lady-Band lächelt vielversprechend beim Bier-Servieren. Die Unnahbare sitzt einsam auf einem Hocker mit Blick nach draußen. Kein Lächeln auf den Lippen, keine freundliche und ernst gemeinte Einladung zum Niederlassen an die vorbeischlendernden gutaussehenden Männer. Sie sitzt aufrecht, ihre in eine knappes rotes Top verpackte Brust nach vorne raus und ihren süßen Arsch entenmäßig nach hinten gestreckt. Dabei rutscht sie im Rhythmus der Musik leicht hin und her.

Der Gast von heute Mittag sitzt immer noch da, aber mit geglätteten Gesichtszügen nach einigen Bieren. Seine Holde hat nun wirklich die Schnauze von seiner Stummheit voll und schnackt mit den anderen Mädels.

Hansel versteht ihn nicht. Ihm selber würde so was nie passieren. Wie kann man solche Mädels sich nur so vernachlässigen lassen?! Wie kann er sie nur so gehen lassen?

“He Harald, alles klar?” ruft ihm Tum zu und an Hansel gerichtet: “Das ist der Harald, der ist wahrscheinlich schon zu lange hier im Urlaub.”

Hansel weiß das zu schätzen. Für einen Augenblick hat er befürchtet, dass sie ihn einfach übergeht und ein Gespräch mit einem anderen Gast ihn ignorierend anfangen will. Aber dem ist nicht so. Von nun an spielt er eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Das weiß er jetzt.

Gibt es für solch natürliche Zuneigung eigentlich einen Preis? Sie hat ihn gewaschen und trockengelegt, hat ihn seine 5 in Englisch endgültig vergessen lassen und bezieht ihn wg. offensichtlich guter Erziehung in ihre Gespräche mit anderen geschickt ein.

“Warum schaust du mich so an, Hansel? Ja, ich weiß, ich bin im Augenblick nur ein Bar Girl, aber ich wäre es nicht, falls mich meine Eltern nicht verarscht hätten. Und überhaupt. Wenn fucking Taxin sich endlich mal um die normalen Leute kümmern wurde, anstatt die Reichen noch reicher zu machen, würde hier keine von den Mädels mehr arbeiten.”

Hansel steht der Mund offen und er legt ganz lieb seine rechte Hand auf ihren Unterarm. Mit der möchte er mal Tagesschau gucken. Die versteht sogar was von Politik. Absolut geil.

“Alle Mädels hier haben Probleme. Keine einzige ist der Strahlemann, wie sie im Augenblick alle tun. Arme Schweine, die nur hier arbeiten, weil sie hier schlafen können. Aber unsere Regierung kümmert sich nicht um solche Leute wie z.B. in England. Bei uns bereichern die sich nur selber. Demokraten. Dass ich nicht lache.”

Hansel kann es nicht fassen. Die ist wirklich anders. Sie erzählt das alles mit einem gewissen Abstand von der Szene und besonders von sich selber. Kein Gejammer über ihre eigene Situation. Er glaubt ihr die nur zwei Wochen in der Susi Bar unbesehen. Und doof isse auch nicht. So warm war Hansel schon lange nicht mehr ums Herze.

Draußen steht ein Fetzenverkäufer und hält seine dünnhäutigen Kleidchen und Tops hoch.

Ein schwarzes gefällt Hans ganz besonders. Spagetti-Träger und schräg geschnittener Rocksaum mit einem langen Schlitz, der ein Knie und Oberschenkel frei lässt. Einfach geil. Hansel winkt ihn mit der typisch asiatischen Geste zu sich, die Handfläche nach unten und die Finger gleichzeitig wie einen Hund auf dem Rücken kraulend bewegend. Die Hand andersrum würde hier als obszön betrachtet, weil es so aussieht, als wenn ein Bub einem Mädel zwischen den Beinen an den Schamlippen kraulen will oder einem anderen Bub am Sack. Ja, so was weiß er. Da ist er stolz drauf. Für solche Einsichten braucht er gar nicht erst Expat zu werden. Und überhaupt, er hat sogar schon Expats gesehen, die noch nicht mal das wissen.

Immer noch berührt von der intelligenten politischen Einsicht und der Beschreibung der Situation von Tums augenblicklichen Kolleginnen will er das Kleidchen einfach haben. Tum widerspricht überhaupt nicht und handelt den Preis von 200 Baht auf 180 runter. Wahnsinn! Sie hat sogar den gleichen Geschmack wie er und vergisst darüber, nach anderen Designer Kleidchen zu suchen. Und außerdem, Lagerfeld kocht auch nur mit Wasser. Der kann ihm schon lange nichts mehr vormachen. Das Kleid ist nicht nur süß sondern auch sehr praktisch. Das braucht sie gar nicht erst ausziehen, wenn sie heute Nacht wieder in den “Lovely Homes” heimlich einkehren und die pornografischen Spätnachrichten beim ewigen Spiel der Geschlechter schauen.

Tum verschwindet mit dem Fetzen hinter der Glastüre. Hansel bestellt einen Black Nam.

“Take it easy Hansel” schallt es aus seiner Nachbarschaft während er dem Straßenverkäufer, unsichtbar für die anderen, 20 Baht als Ausgleich für die runterhandelnde weibliche Hinterfotzigkeit zusteckt. Das ist reine männliche Solidarität. Der lächelt verständnisvoll zwinkernd zurück und macht sich von dannen...
 
Hansel erschafft sich seine Traumfrau

Als Tum wieder rauskommt, fällt Hansel die Kinnlade runter. Aus einem nackten geilen Mädel, dass schon in jungen Jahren ihren Körper oy oy-mässig kennt und dies gewöhnlich unter Jeans und T-Shirt verbirgt, ist eine erotische Frau für alle sichtbar geworden. Lagerfeld ist und bleibt ein Schnarchsack im Vergleich zu Hansel in Bezug auf Einkleidung von Damen. Die anderen Mädels freuen sich auch und eine erzählt ihm, dass sie Tum das erste mal in einem Kleidchen sieht.

“Ist komisch aber wahr. Wir haben alle mal hier in Jeans und T-Shirt angefangen. Zu schüchtern für Kleider.”

„Ehrlich? Warum denn? Ihr seid doch Weiber.“

„Ja, ehrlich. Zwischen all den geilen Boecken fühlt man sich anfangs sicherer mit reißfesten Jeans als Rüstung.“

Tum begibt sich emanzipiert und befreit von sturmgeprüftem Segeltuch an die Go Go Stange und zieht eine aufreizende Show ab, indem sie ihren freien Schenkel blitzen lässt und ihr Spiegelbild unablässig beobachtet. Selbst Harald starrt nach drei Wochen Überreizungs-Urlaub unverhohlen in ihre Richtung und zündet sich fast seine Nase anstatt die Zigarette an. Womit hat Hansel nur diese Vollfrau verdient? Er weiß jetzt endgültig, dass er verliebt ist. Alles wird gut. Koste es, was es wolle.

“Gefällt dir das Kleid?” fragt sie, aber nicht ohne ihre Unzufriedenheit mit der Schönheit ihrer nackten Beinen auszudrücken. Der Hans im Hansel registriert wohlwollend diese Konstante unter den Thaimädels, die fast alle unzufrieden mit ihren Beinen sind und sagt:

“Was redest du da. Du hast die intelligentesten Beine, die mir je untergekommen sind.”

“djin djin?”

“djin djin djin.
(gaaaanz sicher)

“Es ist das erste mal, dass ich ein Kleid in einer Bar trage. Du hast mich dazu ermutigt, t’rak jaa.”

säuselt Tum und gibt ihm einen nassen Kuss auf den Mund, sodass Hansel einen leichten Krampf in seiner linken Wade verspürt. Ein untrügliches Zeichen für die Aktivitäten seiner Nebenhoden.

Hansel läuft zur vollen Form auf. Er wird sich sein Mädel schaffen, so wie er es in seinen Träumen gesehen hat, als Mama ihm noch die Brust gab. Zusätzlich wird er bei jeder ihrer Bemerkungen aufmerksam auf einmalige Anzeichen ihrer einmaligen Liebe zu ihm suchen und finden, anstatt ihr Säuseln als Weibergewäsch abzutun. Der nasse Kuss und dann auch noch in der Öffentlichkeit war so intim, dass es keinen Zweifel mehr gibt. Seine noch junge Liebe zu ihr wird bereits erwidert.

“Wie spät ist es eigentlich” fragt er Tum, da er aus den Augenwinkeln einen Uhrenverkäufer nahen sieht.

“Keine Ahnung, hab keine Uhr.”

He he, Hansel weiß selber, dass er gar nicht so unklever ist und nur das Feld vorbereitet, damit ihr die Entscheidung, eine Uhr von ihm anzunehmen, etwas leichter fällt.

Hansel wollte sich sowieso ein oder zwei Uhren kaufen, wie immer, wenn er in Thailand verweilt. Er selber entscheidet sich für eine schicke Rolex, weil in der Thai-Forenlandschaft so gerne darüber tiefen-psychologisch gelästert wird. Ja, er hat schon seinen eigenen Kopf. Tum konzentriert sich auf das neueste Longines Modell. Die Uhr hat die Form einer Tonne und kostet in Europas so um die 900 EUROs. Modernen Geschmack hat sie auch noch, und Hansel fühlt sich in seiner Einschätzung dieser Ausnahmefrau immer mehr bestätigt.

Harald, gleich nebenan, wird beim Anblick von Hansels verliebter Spendierfreudigkeit fast übel, läuft fahl an, verschluckt sich an seinem Bier und bekommt einen typischen Kotzhusten-Anfall.

Hansel kann mit ihm mitfühlen, denn er kennt den Affen selber, der manchmal schneller ist, als man trinken kann.

Schnell und professionell wird das Armband auf die passende Länge gestutzt, denn der Verkäufer hat das richtige Werkzeug dabei. Erst jetzt sieht Hans das schmale Oberlippenbärtchen des Händlers und sagt ins Blaue:

“assalamu alaikum, habibi”

Der ist ganz Ohr und freut sich wie ein Schneekönig. „alaikum salam“ Er erzählt, dass er aus dem Süden kommt, eine Frau und zwei Kinder hat und abwechselnd drei Monate in Pattaya und zu Hause verbringt. Sein Geschäft läuft so la la aber es reicht zum Leben.

Die Rolex kostet 1400 Baht und die Longines 1000. Hansel lehnt es ab zu handeln. Sonst denkt hier noch einer, dass er “kiniau” wäre und sich die echten Uhren womöglich nicht leisten könne. Nein, sein Gesicht will er hier nicht verlieren.

Tum lacht und zeigt auf ihre Badelatschen.

“Schau mal. Jetzt sehe ich aus wie ne Lady und hab keine passenden Schuhe dazu.”

Genau im richtigen Moment. Hansel weiß, dass schöne, geile und smarte Frauen eigentlich unbezahlbar sind und reicht ihr 2000 Baht zum Schuhefassen. Stöckelschuhe sollen es sein, denn die darf sie auch anlassen, wenn sie heute Nacht wieder nackisch vor ihm steht. Die machen so geile Waden und Oberschenkel.

"Kauf dir welche mit Riemchen um die Fesseln. Auf die stehe ich besonders, Liebste. Und achte darauf, dass sie wasserdicht sind, damit du sie unter der Dusche anlassen kannst.”

Tum antwortet lachend: “Mein lieber Hansel, du siehst nicht nur unverschämt gut aus sondern hast auch noch ehrlichen sexy Humor. Das liebe ich. Heute Nacht werde ich dich vernaschen und dem Pornoprogramm Konkurrenz machen.”

überlässt ihm ihre kleine Schminktasche als Pfand und verschwindet flugs auf einem Motorbike Taxi. Sie beim Schuhe Einkaufen zu begleiten, kommt für Hansel nicht in Frage. Den Stress tut er sich heute nicht an.

Zeit für ihn, sich mal wieder umzuschauen und den nächsten “Take it easy, Hansel” zu bestellen.

Oh Mann, was ist er in Wirklichkeit doch für’n toller Hecht. Er wusste, dass diese Seite seiner Person schon lange, allerdings verschüttet, in ihm schlummerte. Die deutschen Hochnäsinnen waren nur zu doof, sie zu entdecken und an die Oberfläche zu motivieren. So was können nur richtige Frauen, die auch was von männlicher Politik und wasserdichten Stöckelschuhen verstehen. Frauen wie Tum eben...
 
Rote Bäckchen

Inzwischen haben die Mädels mit Kunden rote Bäckchen von den Lady Drinks. Hansel sieht das gerne, denn sie sind das erste Zeichen von wirklicher Zuneigung, was auch die angeregten in purem deutsch geführten Gespräche innerhalb der sich anbahnenden Partnerschaften beweisen.

Die armen Geschöpfe ohne Kunden schielen öfter traurig in Richtung Hansel oder Tum, die stolz ihr neues Outfit zusammen mit wasserdichten Schuhen an der Stange vorstellt. Es ist herzerweichend.

Die soziale Kluft in Thailand fällt Hansel wie Schuppen aus den Augen. Hier ist der Beweis. Tum wohlversorgt mit der Hand an der Stange, und die Unbemannten mit leeren Händen durstig und hungrig auf dem Hocker. Welch Tragödie, verschuldet vom regierenden Alleinunterhalter dieses schönen Landes. Tum hat Recht und in Hansel reift eine Idee heran.

„You understand what I am saying”?
(haste verstanden, was ich gesagt habe?)

fragt Tum wie so oft, nachdem sie ein bis zwei Sätze gesagt hat. Hansel glaubt ihr nun auf’s Wort, dass sie wirklich mit einem Engländer so lange zusammen war und nicht etwa seit dem ersten Schuljahr in einer Bar arbeitet.

Hansel hatte vorher nämlich viel über die Sexual-Gewohnheiten der Mädels in Thailand gelesen. Demnach beginnt ihre Karriere schon in jungen Jahren in den trauten Heimen der Verwandtschaft an der Hausbar. Onkels, Kusins und manchmal auch Basen bereiten sie auf das Lotterleben als Thai-Frau zum Wohle von Mann und Frau vor. Aber das spielt sich alles in Thai ab und sicher nicht in Englisch.

„Ja meine Liebe“

antwortet er spontan und hofft, dass sie nicht irgendeine komplizierte Fragen gestellt hat, denn er hat ihr für einen Augenblick nicht zugehört. Vorsichtshalber fügt er noch hinzu:

„Und was kann ich sonst noch für dich tun, Liebste?“

Hansel hat ein schlechtes Gewissen wegen seiner Unaufmerksamkeit. Wäre ja schlimm, wenn er schon in diesem frühen Stadium das wachsende liebevolle Verhältnis zu Tum aufs Spiel setzen würde.

„Nein danke, Liebling. Du hast schon sooo viel für mich getan. Aber schau mal die beiden dort drüben.“

antwortet Tum und zeigt auf zwei Damen auf den Hockern und mit leeren Händen und keine Stange zum Festhalten in der Nähe. Hansel weiss instinktiv, was Tum meint. Seelenverwandt halt. Das drückt sich oft in Gedankenübertragung zwischen zwei Verliebten aus.

„Rotbäckchen“?

„Ja, Rotbäckchen. Kannst du meine Gedanken lesen?“

fragt Tum und haucht einen zärtlichen Kuss auf Hansels Wange. Der wird rot bis unter den Haaransatz, weil Harald kopfschüttelnd, aber wenigstens ohne Kotzhusten zu ihnen herüber schaut.

Hansels Röte will sich gar nicht verflüchtigen, weil nun auch noch Scham wegen seines Lapsus dazukommt. Eigentlich weiß er es ja besser. Austausch von intimen Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit ist nämlich in Thailand verpönt, besonders wenn man dabei auch noch die Beine übereinander geschlagen hat und mit der Fußspitze versehentlich auf den Bier-Bar-Geister-Altar zeigt.

Aber Tum hat ja schließlich damit angefangen. Als Thailänderin weiß sie sicher, wie sie sich in ihrem eigenen Gastland als potentiell Verliebte benehmen sollte. Außerdem ist sie geborene Pattayanerin. Besonders die wissen doch bescheid, wie man sich traditionell Thai benimmt.

Hansel ändert seine Gesichtsfarbe wieder auf normalen Alkohol-Teint und ruft die zwei Mädels mit den leeren Händen und, wg. Taxin und seiner sich bereichernden Clique nur mit einem temporären Barhocker möbliert, an den Tisch. Die springen spontan auf und gesellen sich zu dem fröhlichen Paar.

„Sit down please, beautiful Ladies. Khun düm alai“?

„Whiskey Cola“ die eine, „Heineken“ die andere.

Hansel bestellt, für Tum und sich selber auch, und keine ruft: „Take it easy, Hansel.“ Wäre irgendwie unpassend gewesen. Ja, die Thai Mädels haben ein angeboren gutes Verständnis für spezielle Situationen.

Da soll mal einer was sagen. Hansel ist auf dem besten Wege zum Thailand-Experten. Und Gentleman ist und bleibt er. Basta. Selbst in diesem fremden Kulturkreis mit seinen unverständlichen Verhaltensweisen der Eingeborenen wird er sich nie ganz aufgeben und immer sich selber bleiben, wenn’s um die Bestellung von Getränken geht.

Tum bedient fröhlich, obwohl sie frei hat. Was für eine Ausnahmeerscheinung! Die arbeitet sogar nach Feierabend. Hansel registriert das sehr wohlwollend.

„tschok die“ von allen vieren, die Tassen hoch und schon beim Absetzen der Gläser überlagert ein zartes Rosa die typisch aschbraune Gesichtsfarbe der ehemaligen Agrarangestellten.

„Du hast ein gutes Herz und denkst auch an andere.“ sagt Tum. „Solche Gäste haben wir selten.“

„djai die, djai die“ nicken die anderen beiden Damen zustimmend mit ihrem bezaubernsten Lächeln und vernichten gleich darauf ihre Getränke, sodass das zarte Rosa endgültig den so heißgeliebten Rotbäckchen weicht.

Hansel lächelt sein bestes Macho-Grinsen.

„An deiner Seite öffnet sich mein Herz. Das liegt alleine an dir, Tum. Und außerdem habe ich genau verstanden, was du über das Thailändische Demokratieverständnis und dessen Folgen für die Bar-Angestellten gesagt hast."

„Ehrlich? Ich habe schon befürchtet, im Urlaub interessierst du dich nicht für Politik und ich hätte dich eventuell mit fucking Taxin gelangweilt?“

Hansel ist in seinem Element. Endlich hat er die totale Kontrolle über sein eigenes vergebliches Bar-Leben, kann selber bestimmen, wo es lang geht und diese gnadenvolle Fähigkeit seinem weiblichen Team übermitteln.

„Wisst ihr was? Ich zeige euch mal, wie ein Landesvater wirklich sein könnte, wenn er nur wollte. Nehmt es einfach als Unterrichtsstunde im deutschen Demokratie-Verständnis.“

Kaum gesagt bestellt er eine Flasche „Black“, Soda, Cola und einen Kübel Eis.

„Heute regiert das Volk unter meiner Regie.“

sagt Hansel völlig euphorisch, steht auf und ruft in die Runde:

„Hallo, ihr lieben Mädels. Ihr wisst gar nicht, was für Engel ihr seid. Mit euch macht das Regieren echt Spaß. Und übrigens, wer bei Bier bleiben will, darf das. Ihr seid ja schließlich mündige Bürger.“

Tum blickt stolz mit einem Nancy-Reagan-Rehaugenblick zu ihm hinauf.

Was für ein Mann !

Hansel for President!
 
Eine handvoll neuer Rituale

Die Stimmung wird immer besser. Hansel beschließt, ein paar weitere Rituale einzuführen, denn Rituale sind beliebt in Thailand.

Zunächst einmal vermittelt er die richtige Deutsche Trinkhaltung. Ellenbogen der Trinkhand in die Höhe, sodass der Oberarm im rechten Winkel zum Körper steht, Rücken gerade, ernstes Vereinsmeier-Gesicht, kippen, Glass wieder absetzen und lächeln.

Die Mädels sind gleich Feuer und Flamme. Es kommt nämlich selten vor, dass sie die Gelegenheit in ihrem Office haben, etwas hinzu zu lernen. Fehlerfrei führen sie dieses neue Ritual gleich beim ersten mal durch und notieren es mental als chancenerhöhenden Überraschungseffekt für zukünftige Deutsche Kunden.

Nur eine verschluckt sich, gefolgt von einem fürchterlichen Hustenanfall. Die Koordination von Mund, Zunge und Ellbogen leidet bei ihr schon ein Bisserl. Hansel hat volles Verständnis dafür, denn die Geschäftslage ist im Augenblick mehr als kritisch. Die hat sicher über längere Zeit wg. Geldmangel keinen Alkohol mehr verköstigt. Tum ist allerdings die Perfektion in Person. Selbst das Vereinsmeier-Gesicht, kurz vor dem Schütten, gelingt ihr absolut professionell, so, als wäre sie schon seit Jahren im Vorstand eines kleinstädtischen Deutschen Dackelvereins.

Marko (R.I.P.) tritt seine Unternehmer-Schicht an, kurzes Gespräch, und verschwindet dann hinter der Glasstüre im gekühlten Teil. Mamasan hat schon früher angefangen und führt ihre Aufsichtspflicht mit Sorgfalt durch. Da bleibt kein Glas trocken.

Ein paar Mädels sind im vollem Schwung und tanzen mit verführerischen Bewegungen mit und ohne Stange. Tum macht Hansel hin und wieder auf besonders reizende Vorstellungen aufmerksam.

„Tanzt die nicht geil, Liebling. Gute Tänzerin, oder?“

Es sind immer die, die am besten mit ihrem Arsch wackeln können, fällt Hansel auf. Sollte Tum etwa...? Nein, schade, sie will sicher nur durch die Blume sagen, dass sie das auch kann, und so was neidlos anerkennt. Stimmt. Denn als sie ihre neuen Klamotten an der Stange mit dem Spiegel dahinter vorführte, sah das unheimlich anmachend aus.

„Du bist besser, mein Engelchen.“ antwortet Hansel dann immer, oder „aber nicht so scharf wie du.“ So was hört Tum gerne. Soviel Frauenverstand hat Hansel nämlich.

[DMLURL]http://www.freiermagazin.com/club/gal/data/172/medium/Mariam_2_.jpg[/DMLURL]​

Die Unnahbare mit dem Superbusen und knappem Top sitzt weiterhin aufrecht, Brust nach vorne raus, Arsch nach hinten, auf ihrem Hocker und schaut nach draussen. Dabei schaukelt sie leicht mit ihrem Unterteil hin und her. Hansel fällt der Begriff „rösig“ dazu ein. Ihr nicht unfreundliches Gesicht bleibt aber starr, wie eine Maske.

Nachdem das Rechte-Winkel-Arm-Trink-Ritual den Mädels in Fleisch und Blut übergegangen ist, niemand mehr danach hustet, und der Ruf: „Take it easy Hansel“ jedes Mal ertönt, wenn Hansel alleine zum Glas greift, ist es Zeit für ein drittes Ritual.

Hansel ist seinem verstorbenen Freund Werner noch etwas schuldig. Der war nämlich ein grosser Fan und Verehrer vom Erfinder des Warp Antriebes, Zefram Cochran (James Cromwell). Ohne ihn wäre das Raumschiff Enterprise nie in unendliche Weiten, wo sowieso kein Mensch hinsieht, geflogen.

Jedes mal, wenn Zetram zum Selbstgebrannten greifen wird und einen tiefen Schluck tun wird, wird er seinen angewinkelten Nicht-Trinkarm flügelschlagend wie beim Ententanz bewegen, begleitet von einem laut und deutlichen „nick, nick, nick“.

Dies ist in der Zukunftsform geschrieben, weil er das erst im Jahre 2063 tun wird.
Das sieht so aus, als wenn er den heißen Stoff durch die Speiseröhre nach unten pumpt. Das „nick, nick, nick“ drückt dabei seine Verachtung für brennende Schmerzen aus. Macht im Stehen mehr Sinn, als im Sitzen, weil dann der Weg des Feuerwassers länger ist.

Hansel und seine Gäste sind nun zu fünft. Zu fünft stehen sie auf und versuchen das Warp-Ritual zu Ehren Werners durchzuführen. Das Trinken, sogar mit rechtem Winkel, klappt vorzüglich, aber zwei Mädels pumpen „nick, nick, nick“ mit dem Trinkarm, sodass eine mittlere Sauerei entsteht.

Hansel überlegt nicht lange und schüttet den Rest in seinem Glas mit einer kurzen Bewegung nach hinten über seine Schulter aus. Vor einer halben Stunde war da noch keiner, also warum sollte da jetzt jemand sein. Niemand beschwert sich hinter ihm und die Mädels halten das schon wieder für ein neues Ritual. Ehe sie irgendetwas Neues anfangen zu üben, und die Symbolik in Hansels Tat sowieso nicht verstehen, ruft Hansel:

„Achtung!“

gefolgt von ehrfurchtsvolle Stille.

„Lieber Werner, es tut mir leid, dass du die Erfindung des Warp Antriebes nicht mehr erleben wirst. Aber ich bin mir sicher, das du sie von einem friedvollen und paradiesischem Ort in Begleitung von neuen Lieblingsfrauen beobachten wirst. Fare well, Alter. Halt die Ohren steif!“

„Halt die Ohren steif“ schallt es zurück, denn die Mädels in dieser Bar haben eine natürliche Begabung für die Deutsche Sprache.

Hansel hält für eine Zehntel-Sekunde inne und erinnert sich zufrieden und ohne Unbehagen daran, dass der Tod zum Leben gehört, wie die Luft zu den Schwingen der Vögel, das Wasser zu den Flossen der Fische.

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.


Reiner Maria Rilke
 
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Everybody loves somebody sometimes

Ein Farang Paar in den Mitte-Ende-Vierzigern lässt sich an einem noch freien Tisch nieder. Beide gut drauf. Er selbstbewusst, cool und gutaussehend, sie dezent geil gekleidet, nettes Gesicht und eine unvermanschte Figur. Irgendwie wirkt sie aufgekratzt, spricht mit einer Angestellten, geht raus, kommt nach fünf Minuten wieder und redet leicht gestikulierend auf eine andere Susi Bar Service-Dame ein.

An deren freundlich zustimmenden Nicken erkennt der Hans im Hansel, dass die nichts versteht. Damit liegt Hansel vollkommen richtig, denn er wird bald darauf zu Hilfe gerufen.

Sie sind beide Briten, genauer gesagt Engländer, wie Hans im Hansel sofort raushört. Tum gesellt sich an Hansels Seite, denn sie möchte auch dort sein, wo vielleicht mal was anderes geschieht. Als sie klares und verständliches Englisch hört, ist sie sogleich in ihrem Element. Ihr kommen wohl angenehme Erinnerungen an ihren verstorbenen Freund hoch.
Ein leichtes Vernachlässigungsgefühl keimt in Hansel auf. Aber er steckt einfach weg, dass Bedienungen eventuell ein Leben vor ihrer Begegnung mit ihm hatten, das Einfluss auf seine jetzige Liebe haben könnte. Das wäre ja viel zu ungewöhnlich und unwichtig noch dazu. Tum hat sich gleich für ihn entschieden, falls er sich noch richtig an heute morgen erinnert. Mädels mit Vergangenheit tun so was normalerweise nicht.

„Can I help you?“ flötet Tum selbstbewusst, sodass wohl jeder das sichere Gefühl bekäme, dass sie wirklich helfen könne.

Es stellt sich heraus, dass die Dame ein Mädel zwecks gemeinsamen Vernaschens mit ihrem Ehemann sucht. Nichts besonderes. Normalfall. Während Tum die Dame unter ihre Fittiche nimmt, kommen der Hans im Hansel und ihr Göttergatte ins Gespräch. Es ergeben sich gemeinsame Themen, denn auch er hat ein Expat-Leben in einer globalen Firma verbracht, allerdings bei der Konkurrenz, und sie hätten sich sogar früher in Saudi begegnen können.

„Was meinste? Komm doch mit deiner Kleinen mit. Kannst auch meine Frau vögeln.“

Hans wirft einen kurzen Blick auf ihren tiefen Ausschnitt und erkennt die typisch Englische sommersprossige Haut, fein gerunzelt und leicht angeledert von den vielen Urlauben am Strand in der prallen Sonne.

„Gute Idee. Danke. Wir haben heute Nacht leider schon was vor, aber Tum kann euch sicher weiterhelfen.“

Die verschwindet mit der English Lady nach draußen um die Ecke und kommt nach einer Weile mit zwei anderen Mädels zurück, die aber äußerst zurückhaltend, weil auf fremdem Firmen-Gelände, draußen vor der Bar warten. Tum ist halt Service-orientiert. Auch das registriert Hansel wohlwollend.

Das Farang-Pärchen zahlt, verabschiedet sich freundlich und entschwindet mit den zwei Ehe-Auffrischungs-Service-Damen in einem Pickup-Taxi in die Nacht. Mamasan sieht nicht besonders glücklich aus. Das gibt morgen sicher eine Standpauke an die Belegschaft.

Die Nacht ist noch nicht zu Ende und Hans hat noch nicht ausgehanselt. Die alte Tischrunde besteht noch und weiter geht’s. Hansel wird bei solchen Gelegenheiten immer leicht übermütig. Ein anderes Service-Mädel schleicht des öfteren am Tisch vorbei, redet ein zwei Sätze mit einer Kollegin und verschwindet dann wieder, bis Hansel seinem Drang, die Runde zu vergrössern, nicht mehr widerstehen kann.

„nang long, khap, und trink mit uns, Schwesterchen.“

Die antwortet leicht entrüstet wie selbstverständlich:

„darf mich nicht setzen, häp män!“

Hansel muss wohl ziemlich doof mit einem kurzzeitig offenen und sprachlosen Mund aus der Wäsche geschaut haben, denn plötzlich bekommt eines der Mädels am Tisch bei seinem Anblick den absoluten Kicherheimer.

„Sorry, Schwester, hab nicht gewusst, dass „Ladies häp män“ nicht sitzen dürfen. Trinkste im Stehen einen mit?“

Jetzt dämmert’s auch den anderen und diejenige, die’s zuerst geschnallt hat, haut’s völlig um, sodass ihr die Tränen nur so die Wangen runterkollern und sie sich für einige Minuten mit völlig unkontrollierten Kicheranfällen an einen leeren Tisch verzieht.

„Und warum sitzt du, khun Tum? Khun häp män, nämlich mich. Dass deine drei Kolleginnen wg. fucking Taxin bei uns sitzen, kann ich ja verstehen. No häp män.“

„Ich mache gerade eine häp män Pause, you understand what I am saying?“

ruft Tum in die Runde und alle kugeln sich weg.
Leicht pikiert verzieht sich das Mädel, dass nicht sitzen darf, weil es einen Freier hat.

Wahnsinn! Die haben eine echte Gabe für Situationskomik. Die ist einfach unschlagbar. Was fehlende Worte wie „zu euch“ in dem Satz: „kann mich nicht (zu euch) setzen, häp män!“ doch ausmachen. Alle haben es gemerkt.

Es bleibt der Spruch des Abends bis in die frühen Morgenstunden. Alle paar zehn Minuten steht eine auf, vertritt sich die Beine und wartet auf die Reaktionen der anderen:

„Warum stehste da rum? Setz dich zu uns und trink einen mit.“

„Geht nich, häp män.“

gefolgt von absolutem Gackern. „Take it easy, Hansel“ ist Schall und Rauch von gestern.

Tum und Hansel begeben sich schließlich in Begleitung von den drei Tischdamen in die nun wenig beleuchtete Seitenstrasse Richtung „Lovely Homes“. Der weibliche Teil mit einem fröhlichen Thai-Liedchen auf den Lippen.

Hansel macht im Dunkeln den Dean Martin mit sonorer Stimme: „Everybody loves somebody sometimes...“ Das verstehen alle, denn es hat etwas mit ihrem Beruf zu tun. Andächtig und alkoholisch leicht melancholisch angehaucht singen sie gemeinsam diese Zeile immer und immer wieder.

„Wo wolln die hin?“ fragt Hansel seine geliebte Tum.

„Was meinst du wohl?“ erwidert sie verschmitzt grinsend. „Die wolln mal ordentlich duschen, TV gucken und einfach abhängen. Zimmer ist schon bezahlt und ich habe vorhin ne Flasche Black und Cola in den Kühlschrank gestellt.“

Hm, Hansel überlegt für einen Moment, ob denn noch genug Seife im Badezimmer sei. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass er nicht mehr nüchtern ist.

[DMLURL]http://www.freiermagazin.com/club/gal/data/172/medium/Mariam_5_.jpg[/DMLURL]

Bemerkung: Den Rest könnt ihr euch in den Beiträgen anderer zusammensuchen. So oder so ähnlich isses wohl abgelaufen. Wenn Hansel sich nur erinnern könnte. lol
 
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Ausgehanselt

Als Hans gegen 10 Uhr morgens aufwacht, ist er alleine. Keine Geräusche im Badezimmer. Totenstille.

Lediglich seine Morgenlatte versucht ihn in ein sinnvolles Gespräch zu verwickeln. Das beruhigt ihn, denn jedes Mal, wenn sie sich zu Wort meldet, weiss er, dass noch nicht aller Tage Abend ist.

Nach ein paar Minuten kommt Tum in frischen Kleidern ins Zimmer, erkennt die Situation, zieht sich aus, sagt, dass sie mit ihren Kolleginnen schon gefrühstückt hat und bedient sich unverzüglich der Morgengabe, bis sie mit einem leichten Grunzen gefolgt von einem Jodler und warmen Spritzer auf Hans’ Sack über ihm zusammensinkt.

Hans genießt seine letzte Stunde als selbstgewählter Hansel.

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Snap out!

„Heute packe ich meine privaten Sachen im Town House zusammen. Kannst du mir Kartons besorgen?“ fragt Hans.

„Kein Problem, ich helfe dir auch beim Packen, khun Hans, ist doch klar. You understand what I'm saying?“ sagt Tum.

Schön zu hören. Nicht mehr Hansel zu sein, ist auch nicht so schlecht, denkt Hans. Aber vorher will er noch alleine im Town House die Lage peilen...

Hans und Tum treten aus dem „Lovely Home“ heraus. Es geht ihm, als ob er einen Tag und eine Nacht in einem dunklen Theater verbracht hätte. Ein Theater mit Beleuchtung zwar, aber nicht störend, sondern gerade ausreichend um die Bühne mit den Statisten im Rahmen seiner Selbstdarstellung zu überblicken. Die Zuschauer in der ersten Reihe hätten dem einen oder anderen Schwank sicher auch folgen können, mal rein beleuchtungstechnisch gesehen.

Hans wird vorübergehend zum Schlitzauge und es dauert ein Weilchen, bis sein Schwarz-Weiss-Abgleich die Überbelichtung auf normales Mass reduziert. Es ist gar nicht heiß. Der altbekannte Affe, der nach durchzechter und verhurter Nacht am nächsten Morgen oft grinsend über seine Schulter schaut, wenn er vor dem Spiegel steht und sich die Zähne putzt, hat sich nicht blicken lassen. Aber das mag daran liegen, dass der Spiegel beschlagen war.

In der Susi Bar sieht es nicht anders aus, als gestern. Es lümmeln zwar weniger Mädels auf den Bänken rum und die sind noch fast im Tiefschlaf, aber es ist ja auch ein bisserl früher als am Vortag, als Hans beschloss, sein selbstgestricktes Hansel-Bühnenstück zu leben.

Noch keine 24 Stunden. Es ist erst 11 Uhr. Als Hans den klimatisierten Teil der Bar auf dem Weg zur Toilette betritt, sieht er gleich links am einzigen Tisch in der Ecke noch zwei Mädels von gestern, die offensichtlich gar nicht geschlafen haben, denn sie tragen noch die gleichen Klamotten und ihre Schminke von gestern gibt langsam wieder ihre natürliche asch-grau-braune Gesichtsfarbe frei.

In ihrer Mitte hängt schräg ein Farang so um die 60 in Shorts und buntem Hemd und mit einer Flasche Bier vor sich. Die Mädels auch. Alle drei sind gut drauf, es wird viel gekichert und so wie der Knabe drauf ist, war der nach durchzechter Nacht noch nicht zu Hause. Nicht dass er lallt oder dumm in der Gegend rumpupst, nein, aber seine Hemmschwellen sind auf eine leicht begehbare Höhe eingeebnet, sodass er nicht stolpert, wenn er hin und wieder einem der Mädels an die Titten oder zwischen die Beine fasst.

„Hallo Paul, alles klar? Wie geht’s?“ ruft Tum.

„Kommt her, setzt euch zu uns. Ich geb’ einen aus.“ Ruft Paul euphorisch, denn er ist noch in Party-Stimmung von letzter Nacht.

„Darf’s auch ‚ne Soda sein? fragt Hans hinterhältig, denn er verspürt nicht den Drang, sich dazu zu gesellen.

„Kommt nicht in Frage. Zähneputzen und duschen ist an diesem Tisch verboten.“ lehnt Paul ab und wendet sich wieder seinen Begleiterinnen zu.

Thema erledigt. Hans geht pinkeln, vorbei an zwei weiteren Mädels, die sich an den Waschbecken frisch machen und bestellt bei Tum eine Soda mit viel Zitrone.
Das wird die letzten Nachwirkungen vertreiben und dem Affen, falls er doch noch irgendwo lauert, den Garaus machen.

Wenn es ums Geschäftliche und schwierige Verhandlungen geht, besonders wenn eine gewisse Verschlagenheit gefordert ist, ist Hans immer bei vollem Verstand. Ausser in Russland, Ukraine oder Kasachstan vor ein paar Jahren. Dort ist Saufen Pflicht. Je höher die Toleranzgrenze für Wodka, Brandy und Bier, ohne wegzusacken, um so höher die Chance für einen erfolgreichen Geschäftsabschluss.

Tum und Hans setzen sich draußen an einen Tisch, denn es gibt was zu bereden. Zuerst will er aber wissen, wer dieser Paul ist.

„Kennste den?“

„Ja, der kreuzt 1 bis zweimal die Woche morgens früh hier auf.“

„Wohnt der hier expatmässig?“

„Weiß nicht genau, kenn mich da nicht so aus. Er fragt jedes mal nach mindestens zwei Mädels, setzt sich mit denen in die Ecke im klimatisierten Teil, immer lustig und spendiert. Für die Mädels reicht es dann für ein bis zwei Tage fürs Essen und vielleicht ein paar andere Sachen.“

„djai die. Gibt’s noch mehr von der Sorte?“ grinst Hans

„Ja, wir haben Stammgäste am morgen, you understand what I’m saying?“

„Ja“ Hans versteht, denn er vermutet, dass sich diese regulären Frühstückskunden noch schnell den Rest-Mut ansaufen oder zumindest noch schnell mit ein paar Bier versuchen, den Affen zu überholen, ehe sie der verdammten Nudelrolle zu Hause ins Auge sehen müssen und leitet zu einem anderen Thema über...
 
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Der Anfang vom Ende

„Ich brauche etwa 8 Kartons in dieser Größe.“ sagt Hans und deutet mit halb ausgebreiteten Armen deren ungefähre Wunschgröße an.

„Kein Problem. Ich schicke jemanden zum Best Supermarket. Die haben immer leere Kartons.“

Das wäre also schon mal geregelt. Am Nebentisch sitzt das Mädel mit dem Kicheranfall von letzter Nacht, verzieht ihr aschfahles Gesicht und hält sich in Abständen den Magen.

„Was ist los? fragt Hans. „djäp?“

„Ja, djäp maak“

„Hol dir doch ein paar Pillen“

„häp no money“

Dr. Hans gibt ihr einen 100 Baht Schein, der auch gleichzeitig ein Rezept ist, und die Patientin macht sich sofort auf den Weg.

„Gib mir mal deine Handy-Nummer.“ wendet sich Hans an Tum, denn er wird sich jetzt zwecks Regelung von Privatangelegenheiten vorläufig verabschieden.

„Mein Handy ist verpfändet. War ‚ne Notlage“

„tau lai?“

„1000 Baht für’s Handy und 300 Baht für ne Karte, sonst kann ich ja nicht telefonieren. You understand what I’m saying?“

Hans gibt ihr 2000 Baht. „Der Rest ist auch für dich. Hier ist meine Nummer. Ruf mich an, wenn du das Handy hast.“

„khop khun ma’khap, khun Hans. Du verstehst, ich wusste es. Bis später.“

Hans trinkt seine Soda aus und steuert zuerst das Büro der Thai-Limousine an. Gleich die nächste Seitenstrasse links von der Susi ausgesehen Richtung Naklua. Die Dame von gestern, die nach gescheitertem Ausflugsangebot seinen Ring bewunderte, ist leider nicht da. Leider, weil mit ihr hätte er eventuell auch noch gerne ein paar Stündchen rumgehanselt.

Die Preise aus dieser Richtung zum Don Muang Airport sind anders. 1800 Baht, anstatt 2000 Baht wie gestern und die Highway-Gebühren sind im Preis drin, anstatt zusätzlich zu den 2000 Baht wie gestern.

Hans ist es egal. Vielleicht sind Mini-Busse ja auch billiger als Limousinen.
Sie einigen sich auf einen Mini-Bus für morgen 14:00 Uhr mit der hinteren Sitzbank ausgebaut, damit Hans seine Klamotten verstauen kann.

„Verpacken auch?“

„nein, nicht nötig.“

Die Dame am Schalter notiert alles sorgfältig, nicht ohne sich zu wundern, wie Hans wohl mit einer unverpackten Ladung am Flughafen einchecken will. Der lässt sie alleine mit ihrem Rätsel, denn er hat oft seinen Spaß daran, nicht alles zu erklären und die Leutchen ihrer eigenen Fantasie zu überlassen.

Das alles läuft ohne Anbaggern ab, da von Kunden auf der Rückfahrt wohl nichts mehr zu holen ist. Eigentlich keine Konstante. Früher, an der 2nd Road und später in der Nähe vom Pattaya Busbahnhof, hielten sich an der Thai-Limousine Station meist Mädels auf, die einen Trip nach Bangkok abstauben wollten und diesen manchmal mit „Zärtlichkeiten“ auf dem Rücksitz vergütet haben. Na ja, vielleicht liegt es an der Tageszeit. Die Farang-Flüge gehen ja meist erst spät nachts zurück nach Europa und die Fahrzeit liegt nur noch bei ungefähr zwei Stunden. Welch ein Unterschied zu früher, als man mit bis zu 6 Stunden auf der ewigen Baustelle und alten Sukhumvit-Landstrasse, Pattaya-Bangkok, rechnen musste.

„Wie finden wir sie?“ fragt die Dame an der Rezeption noch und Hans erklärt ihr, dass er morgen selber herkommen und den Fahrer samt Mini-Bus abholen wird.

Fünf Minuten später steht er vor seinem Town House. In der Einfahrt sieht es unordentlich aus. Plastiktüten und ein paar alte Zeitungen liegen zerstreut in der Gegend rum. Die Türe ist von außen verschlossen...
 
Ein Handy und die Seelenverwandtschaft

Ist also keiner da. Gut so. Dann kann er wenigsten in Ruhe packen, ohne sich mit Auszugsverhandlungen rumzustressen.

Hans öffnet mit den Schlüsseln, die in seiner Abwesenheit immer beim Nachbarn Brian geparkt sind, weil der auch für den entsprechenden update sorgt, falls mal wieder die Schlösser wg. verlorener oder verlegter Schlüssel ausgewechselt wurden.

Sein erster Blick fällt in ein leergeräumtes Wohnzimmer... niemand im Haus...

Die gute Nachricht ist, dass die potentielle Asylanten-Verwandtschaft Werners weg ist, und es vorläufig keinen Stress mit dem Mieterschutzbund gibt. Nach Werners Tod am Ostersonntag trieb sich nämlich der halbe Isaan in der Hütte rum. Das hat Hans’ Ex echt auf die Palme getrieben und sie wäre fast mit einem Räumkommando aufgekreuzt, wofür sogar er Verständnis aufbringt. Aber er konnte sie für 3 Monate ruhigstellen. Diese Zeitspanne fand er angemessen.

Werner hatte früher immer sehr einfühlsam darauf geachtet, dass Besuch auch Besuch bleibt und nicht etwa zum Asylfall mutiert. Eine goldene Regel in Pattaya. Wer sich nicht dran hält, hat in seinem bezahlten Heim bald ausgeschissen und befindet sich auf einmal völlig unerwartet auf der Statisten-Seite.

Die schlechte Nachricht, falls es überhaupt eine gibt, verbirgt sich noch hinter dem Spiegel der Befürchtungen.

Hans überprüft zunächst sein privates Reich im 1.Stock. Es ist unangetastet und vollständig. Das öffnet seinen Blick für die Einzelheiten und Feinheiten in den anderen Zimmern. Völlig neutral sieht er über Unordnung, zurückgelassenes Gerümpel und Dreck hinweg. Was soll’s.

Es sieht nach einer Hals-ueber-Kopf-Flucht aus. Sollte seine Ex etwa wieder da sein und ein Abschiebe-Drama inszeniert haben?

Unten im Wohnzimmer fallen ihm nun auch ein paar Dinge auf, die er beim Eintreten, weil völlig überrascht, übersehen hatte.

Die neue Multi-Media-Stereo-Anlage steht noch da, der Karaoke-DVD-Player ebenfalls. Beides hatte Hans bei seinem letzten Besuch vor einem Jahr gekauft, weil Werner die Reparaturen oder gar eine Erneuerung der hoffnungslosen älteren Geräte inzwischen für völlig unwichtig hielt. Hans befürchtete schon damals, dass dies kein gutes Zeichen für seinen Lebenswillen nach seinem Schlaganfall war. Der hatte zwar keine sichtbaren Spuren hinterlassen, aber seine Selbstmotivation war ziemlich hin.

Werners Braut hatte Hans die Neuanschaffungen damals gedankt, und während seiner Besuchs-Woche war das Haus immer voller für ihn fremder und lustiger Mädels, sodass sein Schlafzimmer immer gut belegt war, wenn sie den letzten Bus verpasst haben.
CDs und Kassetten liegen verstreut in der Gegend rum. Es sind die, die Hans damals nach unten gebracht hat um die Stimmung zu erhöhen.

Die Literflasche „Black Label“, die er gestern hier gebunkert hat, steht einsam und verlassen unangetastet auf der Durchreiche zur Küche.

Donnerwetter! Absolut rücksichtsvoll durchdacht. Hätten sie die Unterhaltungs-Elektronik auch mitgenommen, wär’s Hans ebenso recht gewesen, und er hätte überhaupt keinen Gedanken daran verschwendet, weil er oben in seinem Reich selber mit diesen Dingen ausgestattet ist.

In Gedanken bittet er Werners Braut um Verzeihung, falls er wegen ihrer überzogenen Forderungen schon ganz allgemein schlecht über sie gedacht hat. Mal abgesehen von ihren fantastischen Erwartungen über eine „Abfindung“ hat sie offensichtlich äusserst präzise Anweisungen an ihre Verwandtschaft gegeben, was denn zu packen sei und was nicht. Braves Mädel.

Hans fühlt sich wie erlöst und verspürt gleich darauf den Drang für eine persönlich lebenswichtige Erleichterung. Aber, ach du Scheiße, immer noch kein Wasser im Haus. Zum Glück hat es gestern und heute ein paar mal in Strömen geregnet und ein paar offensichtlich mit Absicht aufgestellte Behältnisse draußen sind randvoll mit Wasser gefüllt. Hans leert einen Eimer in den Spül-Container in der Toilette und genießt gleich darauf seine selbsteinberufene Einmannsitzung. Da wird nicht diskutiert, da werden einstimmig und völlig ideologiefrei im Innern schlummernde Ideen in lustgewinnende Taten umgesetzt. Der Volksmund nennt so was: "Scheißen".

Tum kommt ihm in den Sinn. Er hat gewusst, dass sie ihm Glück bringen wird. Frauen haben ihm immer Glück gebracht, auch wenn seine Scheidungen für Außenstehende nicht den Eindruck erwecken. Aber das verstehen nur seine engsten Freunde. Als ob Tum es geahnt hätte, ruft sie an und meldet stolz die Wiederinbesitznahme ihres Handys.
Als Hansel würde er dies vermutlich in die Kategorie von Liebe verursachte Gedankenübertragung einordnen, selbst wenn so was auf dem Scheißhaus passiert. Dabei wurden die Weichen für diesen mystischen Zufall schon viel früher gestellt, nämlich als er ihr die Knete fürs Handy gab und sie beide vorübergehend getrennte Wege gingen, mit der Vereinbarung, dass sie ihn anruft. Ihr Anruf hätte ihn auch erreichen können, während er in der Nase popelte. Das wäre dann wahrscheinlich ein Anlass gewesen, der Sache wirklich auf den Grund zu gehen.

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Hans begibt sich wieder nach oben und packt seine gestern ausgebreiteten Ersatz-T-Shirts und sonstige Klamotten wieder in seinen Rucksack. Er wird die Nacht heute wieder in „Lovely Homes“ verbringen. Dort gibt es Wasser. Es gibt ja nichts Schlimmeres in diesen Breitengraden, als zwischen und nach den nächtelangen Gesprächen über die Bürden der deutschen Einheit nicht duschen zu können.

Bevor er sich wieder auf den Weg in die Susi macht, konsultiert er erst mal Brian den Nachbarn. Der drückt Hans als erstes einen Zettel in die Hand, auf dem die Bankverbindung von Werners Braut vermerkt ist, sogleich gefolgt von einem freiwilligen Bericht.

„Gestern, etwa 2 Stunden, nachdem du weg warst, fuhr ein kleiner bunter Issan-Laster mit Plane vor. Der war im nu voll gepackt.“

Aha, die kleine sexy Maus hat gut geblufft. Respekt! So machen ihr enges ausgeschnittenes Top und ihre schönen Augen durchaus Sinn. Leider kam sie aus rein taktischen Gründen für einen Abstecher nicht infrage. Der Laster muss ja schon unterwegs gewesen sein, als Hans auftauchte, oder stand schon in einer Seitenstrasse bereit.
Schade, dass sie schon weg ist. Mit der könnte sich Hans durchaus eine befruchtende Zusammenarbeit vorstellen.

„Und? Biste mit Gewinn oder Verlust da rausgekommen?“ fragt Brian.

Hans hört sofort die Nachtigall trapsen. Der will Reste abstauben. Hm, ein solch redefreudiger Nachbar ist ja eigentlich eine gute Quelle für die nun veränderte Zukunft seiner Lasterhöhle. Diese Quelle gilt es zu hegen und zu pflegen, anstatt als Dorf-Tratschtante zu verachten. Außerdem muss er ihn ja nicht täglich ertragen. Hans entscheidet, Brian zu seinen Augen und Ohren während seiner meist längeren Abwesenheit von diesem Ort zu befördern.

„Weißt du was? Komm mal eben mit rüber. Ich zeig dir was.“

Brian ist ganz begeistert und vergisst sogar, seiner Holden mitzuteilen, dass er mal eben das Heim verlässt. Das ist ungewöhnlich. Normalerweise meldet er sich vorschriftsmässig ab.

„Kannste einen DVD Player gebrauchen? Der kann auch Karaoke und alle möglichen anderen Formate abspielen. Schenke ich dir als kleines Dankeschön für gute Nachbarschaft und den Schlüsseldienst.“

sagt Hans und deutet auf die metallisch farbige Flachkiste.

„Das kommt wie gerufen. Wir wollten uns sowieso gerade einen anschaffen. Thanks mate.“ antwortet Brian spontan, ohne Pause gefolgt von der Frage: „Wo ist die Remote?“

Hans grinst in sich hinein und hilft ihm beim suchen zwischen all dem Kleinkram. Brian findet sie nach ganz kurzer Zeit selber.

„Wir sehen uns noch, Brian. Ich fahre erst morgen um 2 Uhr nachmittags zurück nach Bangkok.“

„Danke, mein Freund.“ und ein glücklicher Brian verlässt das Haus mit dem DVD Player unterm Arm und der Remote in der Hemdtasche.

Hans schnappt seinen Rucksack, hängt ihn nur mit einem Riemen über seine rechte Schulter und begibt sich wieder zur Susi.

Die alte Dame ist noch nicht ganz abgestreift. Die verruchte und lebensfrohe Vergangenheit ist noch nicht ganz zu Ende gelebt. Heute will Hans zur Abwechslung mal Statist sein. Diese Rolle hat er schon lange nicht mehr an diesem Ort der Hoffnung und Verzweiflung gespielt...
 
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Last Tango in Pattaya

Hans wird in der Susi mit wissenden Blicken empfangen. Von allen. Es ist, als wenn er nach Hause kommt, genauso wie damals, als er noch 12 Jahre alt war, seine Mutter und die Kaffeetanten noch alles Wesentliche über ihn wussten und genüsslich darüber tratschten. Z.B. ob er denn schon onaniere, Abends die Revue zwecks anatomischer Studien mit ins Bett nähme, eine Freundin habe, gar schon mal geküsst hätte oder etwa schwule Tendenzen zeige, was sich in wiederholten Fahrrad-Touren mit seinem Freund am Wochenende mit Übernachtung im Zweimannzelt zeigen würde. Das Übliche halt.

Hans entscheidet sich, heute Hansel und Hans je nach Situation zu leben. Immer im Sinne des eigenen Wohlbefindens, denn er weiß, dass wenn er sich wohl fühlt, auch die anderen eine gute Zeit haben, was wiederum sein eigenes Wohlbefinden noch steigert.

So genießt er einfach die Vertrautheit mit der Belegschaft dieser Firma, die er selbstbepinselnd hanselnd auf seine charismatische Erscheinung zurückführt.

"Weißt du was? Die Tagesschicht hat mich gefragt, wie viel Geld du mir gegeben hast, wie du fickst, ob überhaupt, und wenn ja, wie oft ich gekommen wäre, was du sonst noch für ein Typ wärest, ob du wirklich eine Hütte gleich hier in der Nähe hast und wenn ja, warum sie dich nicht kennen."

flötet Tum mit nur ganz leicht gespielter Empörung.

"Was geht die das eigentlich an? Außerdem wollten sie wissen, warum du mir die vielen Sachen gestern geschenkt hast. Neidisch sind die auch noch. So hab ich mir das Barleben nicht gerade vorgestellt. Ich hab natürlich nichts erzählt. You understand what I am saying?"

"Das ist ganz normal, honey." antwortet Hans. „Die Anatomie der Gast-Schwänze, die mehr als einmal in ein und derselben Bar auftauchen, wird zum Allgemeinwissen aller Angestellten eines Bier-Bar-Unternehmens.“

"Was ist mit den Kartons? Haste schon was gemanaged?"

"Na klar, was denkst du denn. Du bist ein guter Mann. Dir helfe ich. Die kommen gleich. Hab ein Motor-Bike-Taxi geschickt. Das Mädel von gestern Abend."

Hans bleibt bei Soda mit Zitrone. Erstens treibt das Bier durch die Haut in der Tageshitze und zweitens macht es vor 17 Uhr nur müde. Auch die Statistenrolle benötigt hohe Konzentration und fordert ihren Stress-Zoll.

Wie will einer auf dem Bike nur so viele Kartons transportieren? Fragt sich Hans. Ohne seine Bedenken zu äußern, ist er einfach nur gespannt und harrt erwartungsvoll der Dinge.
Die füllige Dame auf dem Motor-Bike-Taxi, die ihn gestern schon angehimmelt hat, weil er ihr eine Coke ausgegeben hat, kommt unbeladen mit einem völlig ernsten und enttäuschtem Gesicht in die Bar.

"mae dai".

„Das geht so nicht“ hätte Hans ihr schon vorher sagen können. Aber gleich darauf hält ein Baht Taxi vor dem Eingang, beladen mit allem, was Hans braucht.

Als Ausgleich für ihre „mae dai“ Enttäuschung und ihr Unwohlsein, wegen der Zusatzkosten fürs Baht Taxi, lobt er ihr Organisationstalent und reicht ihr 50 Baht.
Tum und Hans steigen hinten rein. Dort stapeln sich zehn Kartons, alle die richtige Zufallsgröße. Passt.

Im Townhouse schaltet Hans erst mal die AC an, denn die Luft steht. Tum zieht sich das Top über den Kopf, legt es sorgfältig auf das Bett und sortiert die Musikkassetten und CDs wohl gestapelt und mit Verstand in die Kartons. Fehlt nur noch, dass sie diese nach Alphabet ordnet und die Kartons entsprechend beschriftet.

Hans muss unwillkürlich an den Film mit Marlon Brando und Maria Schneider denken: "Last Tango in Paris."

Auch dort ging es um eine verstorbene geliebte Person im Nebel der Erinnerung, ein junges Mädel nur in Jeans oben ohne, zwei Geschlechter, die sich nicht näher kennen und trotzdem ihre innersten Geheimnisse und Lüste ohne viele Worte und Hemmungen miteinander teilen. In einer leergeräumten Wohnung.

Butter ist aber im Augenblick nicht im Haus. Was soll’s. Hans zieht sich einfach aus und Tum kokettiert mit ihren nackten Brüsten.

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Zeit, den Tod zu überwinden. Zeit für ineinander fallen und keinen Gedanken verschwenden. Zeit für angstlose Lust und die wohlig schmerzlose Melancholie der Ahnung, dass alles ein Ende hat, dass nichts beständig ist.

Aber jetzt ist jetzt und jetzt ist für immer...

"Ist der Werner hier im Haus gestorben?"

fragt Tum schon atemlos mit verschleiertem Blick und Hans erkennt ihre ängstliche Entschlossenheit, den Augenblick zu beenden, falls seine Antwort nicht in ihrem Sinne ausfällt.

"Nein, Werner war im Krankenhaus, nur eine Woche, bis sein sowieso geschwächter Körper von einer Lungenentzündung dahingerafft wurde. Kurz und bündig."

antwortet Hans wahrheitsgemäß

"OK, suck my nom, help me come."

Tum bedient sich an ihm, wie es sich für eine Frau gehört, und die weiß, was sie braucht. Ihre Schleimhäute kommunizieren dabei in der eigenen archaischen Sprache der Evolution, lockend, wortlos und glitschend, trotz unverzichtlichtem Gummi.

Hansel im Hans hätte eigentlich ihren plötzlichen Wechsel von ernsthaften und tiefsitzenden Bedenken vor ihrem befriedigenden Nippel-Sanuk gerne ausdiskutiert und womöglich noch die Geschichte der Vertreibung seiner Großmutter aus Oberschlesien eingeflechtet, aber irgendwo weiß er, dass das unpassend wäre, wenn er zum Schuss kommen will und dass Schlesien für immer verloren ist.

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Ihr hätte es bestimmt Furcht eingeflösst, wenn sie gewusst hätte, dass Werner immer noch anwesend ist. Hans ist ihm nach wie vor nahe, denn in ihm blitzen aufgeilend ein paar Erinnerungen an gemeinsame Fünfer mit Werner in München durch den Kopf. Die Fünfte war immer Pflicht. Ihre Rolle als „Springerin“ vordefiniert.

Zwecklos, ihr den Horror vor den Geistern der Toten nehmen zu wollen. Zu tief sitzt ihr Glaube an den furchterregenden fröstelnden Hauch ihrer Schatten.

Etwas, was unsere beiden Kulturen für immer trennen wird. Aber solange ihre beiden Körper sprechen, existiert diese Kluft nicht. Alles ist warm und feucht, von ewigen Augenblicken der Geilheit begleitet.

"Du kannst ruhig schon mal in die Susi gehen, wenn wir hier fertig sind und alles gepackt haben. Ich komme dann nach."

sagt Hans, nachdem sich Tum nach getaner Arbeit unten mit Wasser aus den Bottichen einigermaßen frisch gemacht hat, denn es hat wieder angefangen zu regnen, während sie beschäftigt waren.

Hans liebt das Geräusch von Regen und Pink Floyd nicht zu leise dazu. Das beruhigt ihn. Dann ist für ihn die Welt in Ordnung, solange er im Trocknen unter einem beschützenden Dach sitzt und draußen das Wasser prasselt. Dann fühlt er sich immer irgendwie geborgen.

Tum überlegt nicht lange, nachdem sie die Kartons sogar mit Klebestreifen, den sie selbstständig und heimlich besorgt hat, verschlossen hat und sagt:

"see you later. Lass mich nicht warten."

und verschwindet.

Hans möchte noch einen Augenblick alleine sein. Möchte sich von einem Abschnitt seines Lebens verabschieden. Dem Abschnitt mit Werner, der mehr als 35 Jahre währte.

Verpasste Gelegenheiten, ihm zu sagen, wie gerne er ihn hatte, was für ein guter Kumpel er war, gehen durch seinen Kopf. Erlebnisse, wo sie beide rücksichtslos die zufälligen Statisten in ihrer Nähe schamlos für ihre eigene Selbstdarstellung ausgenutzt haben, und Momente, wo sie im Einklang mit ihrer Umgebung waren und auch mal was gegeben haben.

Im Gleichgewicht und mit ruhigem Herzen verlässt Hans sein Town House Richtung Susi Bar und weiß mit nun nicht mehr schmerzender Gewissheit, dass es nie mehr so sein wird wie früher...
 
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Geteilte Freude ist doppelte Freude

Als er in die völlig gastlose Susi Bar einkehrt, ist dort Party. Tum führt das Ruder, lässt die Puppen tanzen, trägt ihr Schwarzes von gestern.

Die Mädels haben alle rote Bäckchen, sind gut drauf und zwei Flaschen Black Cat, Eiskübel und Cola zieren zwei Tische, Chips inbegriffen. Mit Ausnahme der Wunderbusigen. Die sitzt wie immer auf ihrem Hocker, blickt nach draußen und rutscht mit ihrem Hintern andeutungsweise im Rhythmus der Musik. Könnte aber auch ihr eigener Rhythmus sein.
Die Aschgraue von heute Morgen präsentiert Hans eine Tüte mit bunten Pillen und eine Rechnung, genau 100 Baht.

Tum ruft grinsend:

"nanglong (setz dich), ich lad dich ein. Diesen Abend schmeiße ich für dich, denn du hast schon genug für mich getan."

Woher weiß sie bloß, dass er heute Statist sein will? Sie ist mal gerade 20 Jahre alt. Mit wohligem Gefühl begibt sich Hans einfach in die Situation, denn er weiß ja, dass Frauen ihm Glück bringen. Das war schon immer so. In ihrer Gegenwart fühlt er sich heimisch. Egal wie fremd sie sind.

Draußen nähert sich der Fetzenverkäufer von gestern und lächelt Hans an. Er hat ein paar ganz süße und geile Tops dabei. Gefolgt von dem Uhrenverkäufer aus dem Süden mit Familie. Der ziert sich erst gar nicht, kommt zum Tisch und ruft freudig aus:

"al-hamdu-lila, how are you, khun Hans?"

Tum bittet ihn an den Tisch aber Hans schielt völlig unislamisch auf die nach lebendiger Füllung strebenden Tops des ganz nebenbei wartenden mobilen Modegeschäftes. Heute Nacht darf Tum ein Top anlassen, Welches? Das muss er noch rausfinden. Scheiß auf den Neid der anderen Mädels, und außerdem ist Harald heute nicht in der Nähe.

"Black nam jai, khap!”

Ein paar vorbeischlendernde Leute schauen von draussen herein, zögern und entscheiden sich, ihr Urlaubsglück woanders zu suchen, aber nicht, ohne vorher einen verstohlenen Blick auf Wunderbusen zu werfen, die allerdings völlig neutral ihre Augen auf Fernblick gestellt hat.

Normal. Dort drinnen sitzen nur Mädels und ein weißhaariger Typ, der eine völlig unaltersgemäße Rolle spielt. Dieser Situation gehört es aus dem Wege zu gehen. Schlimm! Das soll Urlaub sein? Und überhaupt, die armen Mädels.

Tum ist happy.

"Jetzt habe ich Geld. Meine Freunde sollen auch was davon haben. Du weißt ja schon, warum die hier arbeiten. Weil sie alle hier schlafen können und wg. fucking Taxin. You understand what I am saying?"

Hans lehnt sich zurück und lässt die Weiber tanzen und saufen. Nicht ohne Faszination, denn dieses mal ist er nicht der Hauptdarsteller und er ist bereit, für den Film zu zahlen.

Zwei gutgebaute Typen, mit afrikanischen Vorfahren, spazieren draußen vorbei. Alle Mädels sind voll drauf und geben ihr „full metal jacket“. Hui, handsome man, come in, sit down please, how much you come from, etc, etc.

Alles mit dem geilsten, oder für andere, süßestem Lächeln, welches ihr Anderssein erahnen lässt. Mit anderen Worten, sie präsentieren sich als ausbaufähige Lebensabschnittspartnerinnen.

Als die beiden einfach vorbeiziehen, gehen fast wie verabredet mehrere Stinkefinger hoch und die Kurzhaarige mit dem laut Tum besten Arschwackeln in Town schickt ihnen noch einen spontanen Arschtritt hinterher, sodass sie sich fast selber wegen dem Schwung ihres rechten Beines auf den Hintern setzt.

Hans sieht sich für einen Augenblick selber vorbeimarschieren und registriert beruhigt die Konstanten in diesem Geschäft. Da hat sich seit 20 Jahren nichts geändert.

Viele Farang-Thai-Ehen haben mit einem Stinkefinger angefangen. So what! Die Liebe kommt schon noch, wenn’s unbedingt notwendig ist.

Ist ja bei den konservativen Moslems auch so. Da sieht sich das junge Paar unter der Obhut des erweiterten Familienkreises zum ersten mal (hier im Kreise ihrer Nichten in der Susi Bar). Sie schenkt ihm dann Tee ein (hier in der vorwiegend buddhistischen und christlichen Susi Bar auch Alkoholisches) und wenn sie ihm gefällt, nickt er. (genauso wie in der Susi Bar, wenn sie den Check-Out-Kassenbon in den Holzbecher fummelt).
Ja, die Welt ist klein und die Religionen liegen gar nicht so weit auseinander, wie es manchmal den Anschein hat. Al-hamdu-lila! Amen!

Den jungen Abkömmlingen des afrikanischen Dschungels oder der Savanne, das kann Hans immer noch nicht so richtig einschätzen, käme so was gar nicht erst in den Sinn. Von verantwortungsvoller Bindung haben die schon mal überhaupt keine Ahnung. Sie sind eben völlig egoistisch auf sich selber fixiert. Mohren halt. Arme Gestallten. Die wissen einfach nicht, was sie verpassen. Da sind wir Deutsche romantischer und ritterlicher.

Nicht nur, dass wir unseren auserkorenen Liegestuhl liebevoll bei Tagesanbruch mit unserem feuchten Handtuch vor der aufgehenden Sonne beschützen, nein, wir wollen auch den Stinkefinger vor fucking Taxin retten, ihn heiraten, ihm Manieren beibringen und die Liebe zur vollen Blüte erwecken.

Die Mädels am Tisch füllen Hans’ Glas laufend unaufgefordert nach und während sie immer aufreizender tanzen, weil ihnen der Black Cat im Blut liegt, kommt ihm die Erkenntnis...

Er ist nur eine Feder im Wind. Rein gar nichts. Gerade mal ein unfarbiger Gast in dieser farbigen Gesellschaft.

Hans ist der Statist, mit dem sich die Selbstdarstellerinnen in dieser Bar schmücken und er spürt, wie ihm diese Welt langsam entgleitet. Er ist nur ein unwichtiges zahlendes Sanuk-Männchen, dem nur ein kurzer Blick in die aufregende Welt der Stinkefinger gegönnt ist. Heute Nacht kommt er sich besonders weise vor und meint, den absoluten Durchblick zu haben.

Und da er auch ein bisserl was vom Buddhismus versteht, gibt er den Mädels genügend Gelegenheit, Tambun an ihm zu üben. Sie dürfen ihn mit den kalten Tüchern frisch halten, ihm beim Pippimachen den Schniedel halten und sein Glas auffüllen. Er täuscht auch ein wenig Schwächeln vor, sodass sie ihren Respekt vor den älteren Leuten und ihre Fürsorge ausleben können. Das bringt ihnen gute karmische Punkte ein.

„Bestellst du die nächste Cola? Die nehmen wir von der Bar. Ich hole noch schnell ne Flasche Black Cat auf meine Rechnung gleich nebenan.“ sagt Tum atemlos von der Stange taumelnd.

„Klar honey, brauchst du Taxigeld?"

Tum hält lachend ihre Hand auf und sagt: „sip Baht“

„Hier sind 500. Nimm dir ‘nen Helikopter.“

hält Hans taktisch dagegen, denn er will nicht, dass sie ihr Geld gleich wieder verpudert und hat keine Lust es ihr konfrontal auszureden, denn oft, wenn er zu einer Standpauke anhebt, schweift er ab und fängt womöglich noch über die unüberwindlichen Hürden der Deutschen Wiedervereinigung an zu schwafeln.

Der Anblick des Scheins lässt Tum ihre eigene Spenderfreude vergessen und nach einer Weile kommt sie mit einer prall gefüllten Plastiktüte zurück.

Der Abend wird zur Nacht, die Mädels feiern zünftig ab und vergessen fast darüber, die Straßenkundschaft ins Lokal zu schmeicheln. Mama San sieht der Angelegenheit mit gemischten Gefühlen zu.

Hans schaltet ab, lässt sich mittreiben und es ist ihm egal, ob als Hansel oder Hans. So verschieden sind die beiden nämlich gar nicht.

Nicht ganz so spät wie gestern Morgen torkelt eine lustige Gesellschaft singend in Richtung Lovely Homes. “Are you lonesome tonight…” ist Hans’Beitrag zum Kanon. Tiefer sonorer Bass wie aus dem tiefen Keller auf „are“ bis hinauf in liebliche Tonhöhen auf „lonesome“.
Die einstimmige Antwort ist: “nein”.
 
Nur ein Tastendruck entfernt


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Nachdem Tum und Hans ziemlich schweigsam zusammen was gegessen haben, wünscht er ihr „tschok die“ (viel Glück), und sie trennen sich. Er will sie beim Minibus-Aufrödeln und seiner Abfahrt nicht dabei haben, denn solche Art Abschiede, die auch den allerletzten Moment auskosten, bergen immer die Hoffnung von: „wiederkommen“ in sich.

Der Fahrer schafft es erst nach dem zweiten Versuch, den Mini-Van vollständig zu laden, denn beim ersten mal hat er den bequemen Sessel bis zum Schluss aufgehoben, und der hat natürlich, nachdem schon alles verstellt war, nicht mehr hinein gepasst. Hans hat es zwar kommen sehen, aber nach so vielen Jahren in Thailand genießt er diese leichten Planungs-Schwächen mancher Einheimischer als Schauspiel.

Beim Anblick der sorgfältig gepackten und verschlossenen Kartons überkommt Hans ein Anflug von Rührung. Er dankt Tum in Gedanken für die verrückte und faszinierende Zeit und nimmt sich vor, ihr ein bescheidenes Denkmal zu setzen, auch wenn es nur eine kleine Geschichte ist.

Brian nimmt beim „good bye, bis zum nächsten mal“ wieder den Schlüsselbund in seine Obhut.

Hans’ Ex wird nun für eine Weile das Projekt Town House übernehmen, denn es muss renoviert und wieder neu eingerichtet werden. So was kann sie gut. Da kann er sich drauf verlassen. Er selber freut sich schon auf das Auspacken in seiner Bangkok-Basis-Station.

Seine Ex war allerdings die letzten zwei Monate nicht erreichbar. Egal. Die Frauen in Hans’ Leben werden es schon richten.

Die Trauer über Werner ist zerstoben, aber er bleibt für immer in seinem Herzen.
Auf der Höhe von Chonburi piept sein Handy leise.

„I MISS YOU“ steht auf dem Display. Die Löschfunktion liegt nur einen Tastendruck entfernt...

Pass gut auf dich auf, little Tum. Du hast noch ein ganzes Leben vor dir. God bless you!

ENDE



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  • Hans geht mal wieder hanseln
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