Eine handvoll neuer Rituale
Die Stimmung wird immer besser. Hansel beschließt, ein paar weitere Rituale einzuführen, denn Rituale sind beliebt in Thailand.
Zunächst einmal vermittelt er die richtige Deutsche Trinkhaltung. Ellenbogen der Trinkhand in die Höhe, sodass der Oberarm im rechten Winkel zum Körper steht, Rücken gerade, ernstes Vereinsmeier-Gesicht, kippen, Glass wieder absetzen und lächeln.
Die Mädels sind gleich Feuer und Flamme. Es kommt nämlich selten vor, dass sie die Gelegenheit in ihrem Office haben, etwas hinzu zu lernen. Fehlerfrei führen sie dieses neue Ritual gleich beim ersten mal durch und notieren es mental als chancenerhöhenden Überraschungseffekt für zukünftige Deutsche Kunden.
Nur eine verschluckt sich, gefolgt von einem fürchterlichen Hustenanfall. Die Koordination von Mund, Zunge und Ellbogen leidet bei ihr schon ein Bisserl. Hansel hat volles Verständnis dafür, denn die Geschäftslage ist im Augenblick mehr als kritisch. Die hat sicher über längere Zeit wg. Geldmangel keinen Alkohol mehr verköstigt. Tum ist allerdings die Perfektion in Person. Selbst das Vereinsmeier-Gesicht, kurz vor dem Schütten, gelingt ihr absolut professionell, so, als wäre sie schon seit Jahren im Vorstand eines kleinstädtischen Deutschen Dackelvereins.
Marko (R.I.P.) tritt seine Unternehmer-Schicht an, kurzes Gespräch, und verschwindet dann hinter der Glasstüre im gekühlten Teil. Mamasan hat schon früher angefangen und führt ihre Aufsichtspflicht mit Sorgfalt durch. Da bleibt kein Glas trocken.
Ein paar Mädels sind im vollem Schwung und tanzen mit verführerischen Bewegungen mit und ohne Stange. Tum macht Hansel hin und wieder auf besonders reizende Vorstellungen aufmerksam.
„Tanzt die nicht geil, Liebling. Gute Tänzerin, oder?“
Es sind immer die, die am besten mit ihrem Arsch wackeln können, fällt Hansel auf. Sollte Tum etwa...? Nein, schade, sie will sicher nur durch die Blume sagen, dass sie das auch kann, und so was neidlos anerkennt. Stimmt. Denn als sie ihre neuen Klamotten an der Stange mit dem Spiegel dahinter vorführte, sah das unheimlich anmachend aus.
„Du bist besser, mein Engelchen.“ antwortet Hansel dann immer, oder „aber nicht so scharf wie du.“ So was hört Tum gerne. Soviel Frauenverstand hat Hansel nämlich.
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Die Unnahbare mit dem Superbusen und knappem Top sitzt weiterhin aufrecht, Brust nach vorne raus, Arsch nach hinten, auf ihrem Hocker und schaut nach draussen. Dabei schaukelt sie leicht mit ihrem Unterteil hin und her. Hansel fällt der Begriff „rösig“ dazu ein. Ihr nicht unfreundliches Gesicht bleibt aber starr, wie eine Maske.
Nachdem das Rechte-Winkel-Arm-Trink-Ritual den Mädels in Fleisch und Blut übergegangen ist, niemand mehr danach hustet, und der Ruf: „Take it easy Hansel“ jedes Mal ertönt, wenn Hansel alleine zum Glas greift, ist es Zeit für ein drittes Ritual.
Hansel ist seinem verstorbenen Freund Werner noch etwas schuldig. Der war nämlich ein grosser Fan und Verehrer vom Erfinder des Warp Antriebes, Zefram Cochran (James Cromwell). Ohne ihn wäre das Raumschiff Enterprise nie in unendliche Weiten, wo sowieso kein Mensch hinsieht, geflogen.
Jedes mal, wenn Zetram zum Selbstgebrannten greifen wird und einen tiefen Schluck tun wird, wird er seinen angewinkelten Nicht-Trinkarm flügelschlagend wie beim Ententanz bewegen, begleitet von einem laut und deutlichen „nick, nick, nick“.
Dies ist in der Zukunftsform geschrieben, weil er das erst im Jahre 2063 tun wird.
Das sieht so aus, als wenn er den heißen Stoff durch die Speiseröhre nach unten pumpt. Das „nick, nick, nick“ drückt dabei seine Verachtung für brennende Schmerzen aus. Macht im Stehen mehr Sinn, als im Sitzen, weil dann der Weg des Feuerwassers länger ist.
Hansel und seine Gäste sind nun zu fünft. Zu fünft stehen sie auf und versuchen das Warp-Ritual zu Ehren Werners durchzuführen. Das Trinken, sogar mit rechtem Winkel, klappt vorzüglich, aber zwei Mädels pumpen „nick, nick, nick“ mit dem Trinkarm, sodass eine mittlere Sauerei entsteht.
Hansel überlegt nicht lange und schüttet den Rest in seinem Glas mit einer kurzen Bewegung nach hinten über seine Schulter aus. Vor einer halben Stunde war da noch keiner, also warum sollte da jetzt jemand sein. Niemand beschwert sich hinter ihm und die Mädels halten das schon wieder für ein neues Ritual. Ehe sie irgendetwas Neues anfangen zu üben, und die Symbolik in Hansels Tat sowieso nicht verstehen, ruft Hansel:
„Achtung!“
gefolgt von ehrfurchtsvolle Stille.
„Lieber Werner, es tut mir leid, dass du die Erfindung des Warp Antriebes nicht mehr erleben wirst. Aber ich bin mir sicher, das du sie von einem friedvollen und paradiesischem Ort in Begleitung von neuen Lieblingsfrauen beobachten wirst. Fare well, Alter. Halt die Ohren steif!“
„Halt die Ohren steif“ schallt es zurück, denn die Mädels in dieser Bar haben eine natürliche Begabung für die Deutsche Sprache.
Hansel hält für eine Zehntel-Sekunde inne und erinnert sich zufrieden und ohne Unbehagen daran, dass der Tod zum Leben gehört, wie die Luft zu den Schwingen der Vögel, das Wasser zu den Flossen der Fische.
Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.
Reiner Maria Rilke